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Die Pendlerzahl birgt Potenzial

So verteilt sich der Pendlerstrom von Spremberg in andere Städte und in entgegengesetzter Richtung.
So verteilt sich der Pendlerstrom von Spremberg in andere Städte und in entgegengesetzter Richtung. FOTO: Grafik: Rathaus
Spremberg. Spremberg zählt zu den Orten mit den meisten Pendlern im Land Brandenburg: Darin steckt Hoffnung für die Zukunft der Stadt. René Wappler / wr

Im Land Brandenburg gehört Spremberg zu den Städten mit besonders vielen Pendlern - neben Frankfurt (Oder), Potsdam und Eisenhüttenstadt. Das geht aus der Statistik der Landesregierung hervor. Dabei kommen täglich 7829 Menschen zum Arbeiten nach Spremberg, während 4075 Personen die Stadt zum Arbeiten verlassen. Die Mitarbeiter des Rathauses hoffen darauf, dass die Einwohnerzahl langfristig von dieser Tendenz profitiert. Erste Anzeichen dafür gibt es schon.

Täglich fährt die 60-jährige Bibliothekarin Karin Wießner mit dem Wagen aus ihrer Heimatstadt Cottbus nach Spremberg - seit dem Jahr 1996. Wegen des Schichtsystems in der Kreisbibliothek nutzt sie ihr Auto. "Mit dem Zug wäre ich insgesamt viel länger unterwegs", sagt sie. "Aber je älter ich werde, desto mehr belastet mich die tägliche Fahrt." Vor allem die Straßenverhältnisse im Winter setzen ihr zu. Außerdem fürchtet sie sich vor rücksichtslosen Autofahrern, die in der dunklen Jahreszeit ohne Licht unterwegs sind oder glauben, noch schnell an riskanten Stellen überholen zu müssen.

Somit zählt Karin Wießner zu den 1300 Pendlern, die sich jeden Morgen auf den Weg von Cottbus nach Spremberg begeben. Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) bezeichnet den hohen Anteil der Pendler als "eine Herausforderung für die Stadtentwicklung", sieht darin jedoch zugleich eine Chance für Spremberg. "Wir wünschen uns ja, dass die Leute ihren Wohnsitz bei uns anmelden", sagte sie am Mittwoch, als Cornelia Pfaff von der Stiftung des bundesdeutschen Nachhaltigkeitspreises das Rathaus am Markt besuchte.

Immerhin deuten Indizien darauf hin, dass dieser Wunsch nicht aus der Luft gegriffen ist. Denn im Januar 2017 überraschte Fachbereichsleiter Frank Kulik die Mitglieder des Spremberger Bauausschusses mit der Bilanz: "Die Einwohnerzahl hat sich positiv verändert - in unserer Stadt leben jetzt zwei Personen mehr als noch vor einem Jahr." Nach seinen Worten sorgte vor allem der Zuwachs an Kindern für diesen Trend, der zu insgesamt 23 191 Einwohnern am 31. Dezember 2016 führte.

So werben die Rathaus-Mitarbeiter vor allem um Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, mit ihren Familien zurückzukehren, um wieder in Spremberg zu arbeiten. Das gestaltet sich jedoch schwierig. "Die Leute sind einst zu Zigtausenden aus der Lausitz weggegangen", sagt Bürgermeisterin Christine Herntier. "Jetzt kostet es uns enorme Arbeit, sie wieder zurückzuholen, aber wir versuchen es. Zum Beispiel mit der Rückkehrer-Aktion zum Spremberger Heimatfest."

Helfen könnte der Stadt dabei auch die sinkende Arbeitslosenquote, die im Juli einen offiziellen Wert von 6,5 Prozent erreicht hat. Dieser Aspekt dürfte auch bei der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises im Dezember eine Rolle spielen, für den Spremberg neben anderen Orten nominiert ist. Cornelia Pfaff von der Stiftung des Preises sagte am Mittwoch nach ihrem Besuch in Spremberg: "Es hat mir schon imponiert, wie die Stadt den wirtschaftlichen Wandel nutzt, um sich zu entwickeln - was sich ja auch anhand der niedrigen Zahl von Arbeitslosen abzeichnet."

Vielleicht führt der tägliche Stress, dem sich Pendler ausgesetzt sehen, langfristig ebenfalls dazu, dass sie damit liebäugeln, sich an ihrem Arbeitsort niederzulassen. Auch die Unfallgefahr auf den Straßen der Region könnte als Argument dienen. Nur knapp entkam die Bibliothekarin Karin Wießner im Januar 2007 auf der Bundesstraße 97 in der Nähe der Bühlower Kreuzung einer Katastrophe, woran sie heute noch mit Entsetzen denkt. "Da flog nach dem heftigen Sturm bei Fällarbeiten plötzlich ein Baum auf die Straße", berichtet sie. "Ich konnte gerade so bremsen, blieb deshalb unverletzt, aber an meinem Auto entstand ein Schaden von 4000 Euro. So was will ich nicht noch mal erleben."

Zum Thema:
Das Pendeln mit dem Auto zum Arbeitsplatz beeinträchtigt die Zufriedenheit und die Selbsteinschätzung. Darüber hinaus kann es zu einem deutlich höheren Body-Mass-Index und mehr Krankheitstagen führen. Das erläutert Forscherin Annemarie Künn-Nelen in ihrer Studie namens "Does Commuting affect Health?" ("Beeinträchtigt Pendeln die Gesundheit"?). (wr)