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| 02:53 Uhr

Die drei Leben einer alten Dame in den Tagebauen der Lausitz

Derzeit liegt die F 60 den Besuchern des "Welzower Fensters" regelrecht zu Füßen.
Derzeit liegt die F 60 den Besuchern des "Welzower Fensters" regelrecht zu Füßen. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Welzow. Die F 60 im Tagebau Welzow-Süd gilt als heutige "Alterspräsidentin" der Förderbrücken in den Tagebauen der Lausitz. Seit 42 Jahren, länger als ihre "Schwestern", räumt sie den Abraum über der Kohle beiseite. Ihre Vorgängerin "Clara" war 43 Jahre in Betrieb. trt1

Wer dieser Tage am Aussichtspunkt "Welzower Fenster" steht, dem liegt die Abraumförderbrücke F 60 förmlich zu Füßen. Tag für Tag beseitigt der imposante Stahlkoloss die Erdschichten über der begehrten Braunkohle und befördert den Abraum auf die sogenannte Brückenkippe. Schaut man vom "Fenster" gen Südosten, lässt sich im Tagebauvorfeld der Überrest der alten Grube "Hindenburg" erahnen. In diesem Tagebau nördlich von Alt-Haidemühl begann vor nunmehr 84 Jahren das Förderbrücken-Zeitalter im Raum Welzow. Und zwar ging im Juli 1930 die "Clara-Brücke" in Betrieb. 160 Meter maß sie in der Länge. Sie würde fast viermal in die über 600 Meter lange heutige Förderbrücke hineinpassen.

Montage bei Gosda

Der Lausitzer Bergbauhistoriker Klaus Männig hat herausgefunden, dass die Konstruktion, deren Vision bereits auf das Jahr 1911 zurückgeht, an der Gosdaer Schäferei zusammengebaut wurde. Dort, also ein Stück weit nördlich der Haidemühler Brikettfabrik, befand sich der entsprechende Montageplatz. Die Einzelteile wurden von der Leipziger Allgemeinen Transportanlagen-Gesellschaft, kurz ATG, geliefert. Dieses Unternehmen, so Männig, sei zuvor auf den Flugzeugbau spezialisiert gewesen. Da dieser Erwerbszweig nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg vorerst tabu war, habe das Unternehmen in der Technisierung der Tagebaue ein neues Betätigungsfeld gefunden. Im Dritten Reich sei allerdings eine Rückkehr zum "Kerngeschäft" erfolgt.

Im Dienst der Eintracht AG

Die "Clara-Brücke" stand im Dienst der Eintracht AG, also jenes Bergbauunternehmens, das seit dem Jahr 1905 seinen Hauptsitz in Welzow hatte. Noch heute gibt es an der Spremberger Straße das architektonisch ansprechende Verwaltungsgebäude. Allerdings steht es bereits seit Jahren leer.

Über ein Jahrzehnt, bis 1940, arbeitete sich die Förderbrücke durch das "Hindenburg"-Feld. Aus dieser Grube ging später die sogenannte "Kleine Ostsee" hervor, die zumindest zeitweise als Naherholungsgebiet diente. Heute befindet sich das Areal nördlich von Proschim und Alt-Haidemühl kurz vor der Überbaggerung durch den fortschreitenden Tagebau Welzow-Süd.

Anschließend fuhr "Clara" ins Abbaufeld Nasser Berg ein. Dieses befand sich östlich von Welzow und hatte seinen Namen von mehreren Quellen, die für den namensgebenden Wasserreichtum sorgten. Darüber hinaus rankten sich einige Sagen um dieses Gebiet. Und bereits im Jahr 1943 wühlte sich die Förderbrücke im Abbaufeld Gosda durch den Boden. Selbst eine größere Rutschung im Brückenschnitt im Jahr 1947 überstand die Konstruktion schadlos. Bis ins Jahr 1949 versah sie bei Gosda ihren Dienst.

Anschließend planten die Ingenieure den Umzug des Stahlkolosses in den rund 30 Kilometer entfernten Tagebau Werminghoff bei Lohsa. Allerdings stürzte "Clara" am 30. März 1949 in sich zusammen. Laut Fachmann Klaus Männig hatten Untersuchungen ergeben, dass nicht korrekt ausgeführte Reparaturen während der Kriegszeit die Ursache für dieses Malheur bildeten. So mussten insgesamt 400 Arbeiten den gewaltigen Schrotthaufen auseinandernehmen. Die noch brauchbaren Einzelteile wurden nach Werminghoff (später "Glückauf") transportiert und dort zwischen Juni und Dezember 1949 wieder zu einer Förderbrücke zusammengesetzt. Waren für die Umsetzung der Konstruktion ursprünglich 3,3 Millionen Mark angesetzt, erhöhte sich dieser Betrag durch die Verzögerung auf 5,3 Millionen Mark. Später versah die "Clara"-Brücke auch noch im Tagebau Burghammer, dem heutigen Bernsteinsee, ihren Dienst. "So kann resümiert werden, dass die alte Dame drei Leben hatte, im Raum Welzow, bei Lohsa und in Burghammer", fasst Klaus Männig zusammen. In den Jahren von 1930 bis 1973 habe sie insgesamt 268 Millionen Kubikmeter Abraum bewegt, haben Experten berechnet. Anschließend wurde "Clara" verschrottet.

Nachfolger F 60 ab Ende 1972

Bereits im Dezember 1972 nahm im Tagebau Welzow-Süd eine wesentlich leistungsfähigere Förderbrücke, die F 60, ihren Betrieb auf. Sie ist bis heute im Einsatz und wird es nach Planungen des Bergbauunternehmens Vattenfall auch noch einige Jahre bleiben.