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| 16:56 Uhr

Folgen fürs Gesundheitssystem noch nicht absehbar
Die Sucht beginnt in der Schule

Cornelia Jankowski von der Spremberger Suchthilfe sagt: „Viele junge Menschen haben mit 18 Jahren schon alle möglichen Drogen konsumiert.“
Cornelia Jankowski von der Spremberger Suchthilfe sagt: „Viele junge Menschen haben mit 18 Jahren schon alle möglichen Drogen konsumiert.“ FOTO: LR / René Wappler
Spremberg/Forst/Cottbus. Fachleute warnen: Die Bereitschaft zum Ausprobieren harter Drogen wächst. Von Renè Wappler

Für das Gesundheitssystem sind die Folgen des Konsums von Crystal Meth kaum abzusehen. Schon jetzt kommen viele junge Patienten nach dem Entgiften direkt in ein Heim für betreutes Wohnen, weil sie Symptome von Alzheimer aufweisen.

Die Sonne scheint in das Büro von Cornelia Jankowski, als wolle sie die Schattenseiten des Lebens überstrahlen, mit denen sich die Chefin der Spremberger Suchthilfe am Berghang und ihre Mitarbeiter konfrontiert sehen. „Mit 13 oder 14 Jahren geht es los“, sagt Cornelia Jankowski. „Da fangen Schüler an, alle möglichen Drogen zu testen.“

Die Statistik stützt ihren Befund. Fast einer von 100 Jungen und eines von 200 Mädchen konsumiert Amphetamine wie Crystal Meth, und das mindestens einmal pro Woche. Das antwortete die Landesregierung in Potsdam im  April auf eine Frage des Spremberger CDU-Politikers Raik Nowka. Er besuchte in dieser Woche auch eine Konferenz im Forster Kreishaus, bei der klar wurde: Fachleute aus Cottbus und dem Landkreis äußern sich ähnlich.

So sagt Ilona Sieg vom Staatlichen Schulamt: „Schulleiter nehmen wahr, dass die Bereitschaft zum Ausprobieren zunimmt.“ Sobald ein Kind beim Drogenkonsum ertappt werde, gingen die Eltern oft in Abwehrhaltung. Selbst Angebote wie das Gespräch mit Psychologen würden mitunter nicht angenommen. „Wer Drogen will, kriegt sie überall“, erklärt Ilona Sieg. „Das ist leider so.“

Die Chefärztin der Psychiatrie arbeitet Dr. Cordula Sikorski im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Aus ihrem Alltag weiß sie, wie sich der Konsum von Drogen wie Crystal Meth auf die Patienten auswirkt. Zunächst fühlen sie sich wach, euphorisch, bereit zu hoher Leistung. „Hunger und Müdigkeit werden unterdrückt“, sagt Cordula Sikorski. Das komme den Konsumenten zunächst entgegen. „Junge Leute gehen heutzutage erst gegen Mitternacht zur Party, wo sie dann noch sechs bis sieben Stunden durchhalten müssen.“

Dabei schädigt Crystal Meth Körper und Gehirn stärker als andere Drogen. Das betonte Polizeichefin Bettina Groß in diesem Frühjahr in einem Gespräch mit den Spremberger Stadtverordneten. Die Rückfallquote sei ebenfalls besonders hoch.

Damit gehen Probleme für die Gesellschaft einher, die sich noch nicht detailliert abschätzen lassen. Zu den Spätfolgen des Konsums von Crystal Meth zählen Schäden am Gehirn und weiteren Organen, die sich oft nicht mehr reparieren lassen. Darauf weist die Chefärztin der Cottbuser Psychiatrie hin.

Auch das Angebot von Therapeuten stößt an Grenzen. Das stellt Psychologe Michael Leydecker vom Tannenhof-Verein fest. Ein Drittel der Patienten lasse sich langfristig erreichen, ein Drittel phasenweise, ein weiteres Drittel überhaupt nicht. Darüber hinaus kämpfen suchtkranke Menschen meistens mit weiteren Sorgen, die ihnen das Leben erschweren. „60 Prozent der Klienten haben Schulden“, sagt Michael Leydecker. In der Regel stehen sie demnach mit 10 000 Euro in der Kreide, manchmal auch mit bis zu 50 000 Euro. Allerdings bleibt ausgerechnet ein legales Rauschmittel die Einstiegsdroge, wie der Therapeut zu bedenken gibt. Alkohol sorgt auf lange Sicht dafür, dass das chemische Gleichgewicht im Gehirn aus den Fugen gerät. Zugleich senkt er die Hemmschwelle für den Konsum härterer Drogen.

Das bestätigt Cornelia Jankowski von der Spremberger Suchthilfe. „Alkohol ist ein richtig schlimmes Suchtmittel, und Deutschland ist eine regelrechte Gesellschaft von Trinkern“, sagt sie. „Jeder Vollrausch tötet Millionen von Gehirnzellen.“

Das Phänomen des allgemein akzeptierten Konsums von Alkohol reicht jedoch weit über Deutschland hinaus, wie die Chefärztin der Cottbuser Psychiatrie anmerkt. „Alkohol ist in Europa ja gar nicht mehr wegzudenken“, sagt Cordula Sikorski. „Wenn es aber kippt, und Sie werden abhängig, wenden sich die Leute plötzlich von Ihnen ab.“

Grundsätzlich äußert sich dazu Michael Leydecker vom Tannenhof-Verein: „Das Recht auf Rausch ist in Deutschland sehr hoch angesiedelt, so lange es andere nicht schädigt.“

Im Nazi-Regime sollte dieses Recht einst jedoch zu maximalem Schaden führen. Der Autor Norman Ohler stellt in seinem Sachbuch „Der totale Rausch“ die These auf, der Konsum von Crystal Meth habe der faschistischen Aggression als Grundlage gedient. „Ohne Anleitung, wie das Aufputschmittel zu dosieren sei, aber massenhaft damit ausgestattet, überfiel die Wehrmacht ihren nichtsahnenden ungedopten östlichen Nachbarn.“