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Der vielbescholtene April beginnt

Was Harry Piel beim Stöbern in Ausgaben des "Spremberger Anzeigers" vom 23. März bis 4. April 1915 entdeckt hat, berichtet er im Folgenden: Harri Piel

1915 fiel in dieser Woche Ostern und der 100. Geburtstag Bismarcks aufeinander. 2015 ist Bismarck 200 Jahre alt und Ostern eine Woche später. Es begann mit drei Bekanntmachungen zur Verwaltung des Mangels an Mehl und dass 1000 Erdarbeiter für den "Bahnbau in Ostpreußen und nach Russisch=Polen" gesucht werden. 4 Mark Tageslohn, Essen und Unterkunft frei, "11 stündige Arbeitszeit". Nach heutigem Geld nicht einmal die Hälfte des Mindestlohnes.

Seit einiger Zeit wurde in der städtischen Kämmereikasse "für erblindete Krieger" gesammelt, auch "für die notleidenden Ostpreußen" und "den Roten Halbmond". 9, 50 und nochmals 10 Mark spendeten die Spremberger in dieser Woche. Bei der Sparkasse waren es 20, 50 und 5 Mark und für das Rote Kreuz kamen 8 Mark hinzu.

Am 1. April war die Titelseite natürlich mit Bismarck ausgefüllt. "Otto von Bismarck. 100 Geburtstag des Altreichskanzlers." So lautete die Überschrift. Es folgte "Bismarck mit uns." und "Des Kanzlers Lebensweg." Sogar ein Bismarck-Gedicht war abgedruckt. Es war von "Georg von Rohrscheidt". Der beschrieb darin mit nationalistischem Getöse die Auferstehung Bismarcks aus seinem Sarg im Sachsenwald. "Aufrichtet sich verwundert der Herr vom Sachsenwald: Mir träumte, ein Jahrhundert sei just ich heute alt! Ein Faustschlag donnernd sprengt des Fürsten Sarkophag, (...)" Lassen wir es lieber dabei bewenden, die Zeilen sind sowieso nicht zeitgemäß. Ebenso wie: "Die Fahnen heraus. Das Oberkommando in den Marken gibt bekannt: Am 1. April, als der 100 jährigen Wiederkehr des Geburtstages des Fürsten Bismarck, sind die öffentlichen und Dienstgebäude zu beflaggen." Weitere ausführliche Berichte aus Berlin, Friedrichsruh, Leipzig Köln und Detmold folgten in der Osterausgabe am 4. April 1915. Zu Spremberg reichten 5 Zeilen: "(...), loderte am Abend des 1. April auf dem Gipfel des Bismarckturmes ein mächtiges Feuer. (...) Der Turnverein 1862 hatte auch diesmal einen Kranz am Denkmal niedergelegt." Da war ja 2015 mehr los, sogar der Stadtkanal K12 war dabei.

Meister Saebisch stellte dann fest: "Der vielbescholtene April beginnt nun wieder." Und meldete sogleich ein Dienstjubiläum. Frau Martha Textor war seit 20 Jahren als Dienstmädchen beim Stadtrat Max Heinze beschäftigt. Und der Fotograf Oswald Thiem, heute Fotografenmeister Rolf-Dieter Kappelmüller, konnte nur noch am Sonntag, Montag und Freitag sein Geschäft für Aufnahmen offen halten. "Wegen Einziehung meines Gehilfen (...)."

Einen Toten, 13 Verwundete, einen Gefangenen und einen Vermissten meldete die amtliche Verlustliste aus dem Kreis Spremberg in dieser Woche. Aus dem Vergleich mit den aktuellen Todesanzeigen im Anzeiger erkennen wir nun einen zeitlichen Nachlauf der amtlichen Daten von bis zu vier Wochen.