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| 14:45 Uhr

Erfolgsgeschiche des Lausitzer Strukturwandels
Der Job-Motor brummt im Industriepark Schwarze Pumpe

FOTO: Radke Peter / Peter_Radke
Schwarze Pumpe. Der Industriepark Schwarze Pumpe ist eine Erfolgsgeschichte des ersten Strukturwandels in der Lausitz nach der Kohle. Jetzt steht der zweite Umbruch bevor. Von Kathleen Weser

Vor 60 Jahren hat das Herz der Energieversorgung der DDR in Schwarze Pumpe zu schlagen begonnen. Vor knapp 30 Jahren verlor der Industriestandort nach der Wende mit der Stilllegung der Braunkohleveredlungsanlagen seine Bedeutung als Zentrum der Strom- und Gasproduktion für ganz Ostdeutschland. Dieser schmerzhafte Strukturbruch, der mit dem Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen einher ging, aber ist in einen furiosen Neustart verwandelt worden: Seit 1990 bis heute hat sich Schwarze Pumpe vom Energie- und Kohleveredlungsstandort zum multifunktionalen Industriepark gewandelt. Der Job-Motor brummt.

Maßgeblich ist das in Regie der Altstadtsanierungsgesellschaft (ASG) Spremberg geschehen, die als kommunaler Wirtschaftsförderer gegründet zum Konzessionär und Treuhänder sowie Manager des Zweckverbandes Industriepark Schwarze Pumpe wurde. Innovativ und kreativ schmieden die Wirtschaftsförderer weiter am alten und nächsten Zukunftsplan – mit sichtlichem Erfolg. Am Mittwoch erfolgt der Baustart für eine zweite Fertigungslinie beim Papierhersteller Hamburger Rieger. Etwa 370 Millionen Euro schwer ist die Großinvestition, die aus dem europäischen Fördertopf zur Verbesserung regionaler Wirtschaftsstrukturen mit gut 34 Millionen Euro unterstützt wird.

Der Industriepark liegt auf dem Gebiet von Brandenburg und Sachsen. Das ist eine besondere Herausforderung. Die Zusammenarbeit der Länder „ist sehr gut“, betont Petra Lehmann, die kaufmännische Geschäftsführerin der ASG. Die Zahlen kennt sie genau: Seit 2002 haben die ASG Spremberg und der Zweckverband Industriepark Schwarze Pumpe bereits mehr als 140 Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. Vom Rückbau der Anlagen des einstigen Gaskombinates über das Ertüchtigen der Straßen und neuen Versorgungsmedien wie Abwasser- und Brauchwasseranlagen, Niederschlagswasser-Kanäle sowie Strom- und Netzwerkinstallationen.

Ein neues 100-Millionen-Euro-Investitionspaket ist geschnürt: Zwei  Drittel sollen bis 2020 verbaut werden – unter anderem in einem Kompetenzzentrum für Gründer und Gewerbe, das im nächsten Jahr bezugsfertig sein soll. Weitere 30 Millionen Euro fließen in die Erweiterung der bestehenden Kläranlagen, die auch für den Betrieb der zweiten Papiermaschine bei Hamburger Rieger notwendig ist. Zudem sind zwei neue Stauräume für den Lkw-Verkehr im Industriepark geplant. Ein Teil des Investitionskapitals soll in die südliche Erweiterung des Industrieparks und damit in ein Areal für weitere Ansiedlungen auf etwa 120 Hektar Fläche fließen.

Der Wirtschaftsstandort Schwarze Pumpe hat wie viele Standorte in der Lausitz vom langfristig angelegten Förderprogramm des Bundes und der Europäischen Union zur Entwicklung der Infrastruktur profitiert. Die derzeitige Fördermittelperiode läuft allerdings im Jahr 2020 aus. „Ob und in welcher Form es dann weiterhin finanzielle Unterstützung für diesen Zweck geben wird, wissen wir nicht“, sagt Petra Lehmann. Deshalb drängt die Zeit, die  Infrastruktur sofort weiter zukunftsfähig voranzutreiben, erklärt die Steuerfrau der ASG Spremberg.  Die Verkehrsführung durch anliegende Ortschaften sei nach wie vor unbefriedigend. Nördlich und südlich des Industrieparkes müssen weitere Lkw-Stellflächen und Wartebereiche geschaffen werden. Industriepark-Manager Holger Fahrland erläutert: „Dem liegt eine detaillierte Entwicklungskonzeption zugrunde.“ Die besten Nutzungschancen für Ansiedlungsflächen und die Auswirkungen der An- und Abtransporte auf die gesamte Logistik werden für mögliche Investoren geklärt. Im Fokus steht dabei auch die vom Bund ins Visier genommene Mitteldeutschland-Lausitz-Trasse ((MiLau). Eine Variante würde den Industriepark Schwarze Pumpe direkt tangieren. „Das hätte starke positive wirtschaftliche Auswirkungen“, sagt der Industriepark-Manager.
Die ASG arbeitet konzentriert an der Zukunft, verlässt sich jedoch nicht auf zentrale Planungen seitens des Bundes. Petra Lehmann betont: „Wir regen selbst Themen an, vernetzen dafür Wirtschaft und Wissenschaft, bringen Partner zusammen, stellen Flächen und Strukturen zur Verfügung, kümmern uns um Fördermittel und begleiten eine praxisnahe Forschung und Entwicklung. Schwarze Pumpe ist dafür ein idealer Standort.“ Dazu dienten auch die Kompetenzzentren für Gründer und Gewerbe sowie für Industrieabwasser, die beide von der ASG betrieben werden. Einher gehe alles mit der Suche nach alternativen Geschäftsfeldern für Unternehmen am Standort. Denn versenkt bleiben soll der fossile Rohstoff auch künftig nicht. Der Frage, wie Kohle auf völlig andere Weise als bislang und klimaneutral genutzt werden könnte, wird nachgegangen. Gerade Schwarze Pumpe ist als Standort prädestiniert dafür, ganz neue Wege mit dem braunen Gold der Lausitz zu beschreiten. An keinem anderen Industrie-Ort im Osten Deutschlands sind mehr innovative Verfahren in der Kohleveredlung und der chemischen Industrie erstmals in großtechnischem Maßstab umgesetzt worden. Die Leag wird dabei unterstützt, das Umdenken von der bisher ausschließlich energetischen zur stofflich-energetischen und letztlich überwiegend stofflichen Kohlenutzung wirtschaftlich umsetzbar zu gestalten. Dabei gehe es um Aktivkohle, aber auch um das Einbeziehen von nachwachsenden Energie- und Kohlenstoffträgern.
Auch ein Projekt zum Aufbereiten von Klärschlamm wird bearbeitet. Dieser Industrieabfall soll nicht nur ökologisch korrekt entsorgt werden, sondern vor allem der Rückgewinnung von Wertstoffen dienen.
Das Unternehmen Wertcycle Energy wird von den Experten der ASG bei einer konkreten Idee zum Aufbereiten von Glasfaserkunststoffen (GFK) unterstützt. Das Material, aus dem Rotorblätter von Windkraftanlagen bestehen, für die ein starker Recyclingbedarf besteht, ist hier von größtem Interesse Die Technologie soll in Schwarze Pumpe zur Serienreife geführt werden - mit dem geballten Wissen aus der Forschung der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus – Senftenberg. Eine Referenzanlage entsteht.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Fassung dieses Textes hieß es versehentlich, die neue Fertigungslinie der Papierfabrik gehe am Mittwoch in Betrieb. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.