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| 20:53 Uhr

Über die Lausitz hinaus unvergessen
Der Gas-General von Schwarze Pumpe


Der erste Spatenstich für das Gaskombinat Schwarze Pumpe ist im Jahr 1955 gesetzt worden. Produziert hat die gewaltige Anlage bis 1990.
Der erste Spatenstich für das Gaskombinat Schwarze Pumpe ist im Jahr 1955 gesetzt worden. Produziert hat die gewaltige Anlage bis 1990. FOTO: LR
Schwarze Pumpe. Manager, Politiker, Kumpel. 24 Jahre hat Herbert Richter als Generaldirektor das Gaskombinat Schwarze Pumpe geleitet. Damit war er ein Vierteljahrhundert verantwortlich für die Gasversorgung einer ganzen Nation. Kürzlich ist der international anerkannte Chemiker und Steuermann der DDR-Wirtschaft mit 85 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Katrin Rohnstock

Herbert Richter
Herbert Richter FOTO: LR

 „Dann werden wir ja bald nur noch Straßenfeger haben, die die Straßen nach dem Satz des Pythagoras fegen.“ Dieser unachtsam-arrogante Kommentar aus dem Munde einer privilegierten Dorfbewohnerin brannte sich dem jungen Herbert Richter einst ein. Der Sohn eines einfachen Bergarbeiters aus Klettwitz war soeben an die Arbeiter und Bauernfakultät (ABF) berufen worden. Ein Straßenfeger, das wollte er nicht werden. Den Satz des Pythagoras aber, und den ganzen Rest, den würde er lernen – und damit etwas erreichen.

Herbert Richter (M.) im Erzählsalon im Gespräch mit der Biografin Katrin Rohnstock (l.).
Herbert Richter (M.) im Erzählsalon im Gespräch mit der Biografin Katrin Rohnstock (l.). FOTO: Bartonek

Wie in seinem schmalen autobiografischen Büchlein „Lose Blätter“ nachzulesen ist, bewarb der junge Mann sich hartnäckig um die Mitgliedschaft in der SED. 1953 wurde er aufgenommen, im selben Jahr schloss er sein Abitur ab. Es folgte das Studium der Chemie. Eigentlich sollte es dafür nach Leningrad gehen, doch der Sieg Ho-Chi-Minhs über die Franzosen veranlasste die Sowjets die Studentenkontingente an Vietnamesen zu vergeben. So kam Richter stattdessen erst nach Jena, dann an die neugegründete Hochschule für Chemie in Merseburg. Dort schloss er als Diplom-Chemiker ab. Er heiratete: Seine Frau Edith kam wie er aus Klettwitz. Eigentlich sollte es das gerade nicht werden: eine Frau aus dem Heimatdorf. Aber, wie das Leben spielt: Der überzeugte Kommunist ließ sich sogar kirchlich verheiraten – um des Familienfriedens willen.

Das junge Paar verschlug es nach Lauchhammer, wo Richter nach kurzer Zeit Abteilungsleiter in der Forschung der ersten Braunkohlekokerei wurde. Er stand vor einem Problem: Die phenylhaltigen Abwässer der Kokerei drohten die Schwarze Elster in dasselbe schäumende Gewässer zu verwandeln wie die Pleiße in Leipzig. Sofort machte er sich an die Arbeit. Er trieb die Forschung voran und promovierte 1963 über die in den großen Biotürmen vollzogene Reinigung der Abwässer. Sie überdauern in Lauchhammer als saniertes Relikt der Kohle-Ära und künden als imposantes Industriedenkmal von längst vergangenen Zeiten: von den Herausforderungen der Verkokung. Der aus Braunkohle hergestellte Hochtemperaturkoks war für die Metallurgie und chemische Industrie der DDR von außerordentlicher volkswirtschaftlicher Bedeutung.

Der frischgebackene Dr. rer. nat. Herbert Richter wurde SED-Sektorenleiter für Chemie und Geologie. 1966, mit nur 33 Jahren, bekam er das Angebot, das sein späteres Leben bestimmen sollte: die Leitung von Schwarze Pumpe zu übernehmen. „Deine Arbeit hier ist nicht schlecht“, sagte der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung zu Richter, und fuhr fort: „Du kennst Schwarze Pumpe. Also ab 1. Juli bist du dort Kombinatsdirektor. Ist das klar?“ Richter gab zu Bedenken, er sei ja erst 33 Jahre alt, was sein Gegenüber wohlwollend als „Ja“ interpretierte.

So begann die Ära Richter in Schwarze Pumpe. 1970 wurde Schwarze Pumpe zum Gaskombinat, Richter zum Generaldirektor. Dem nicht einmal vierzig Jahre alten Mann unterstanden nun 14 000 Mitarbeiter und die gesamte Verwertung und Veredlung der Braunkohle in der Lausitz. Kokereien, Heizkraftwerke, Brikettfabriken und Gaswerke. 1980 gehörten insgesamt acht große Volkseigene Betriebe (VEB), darunter die Braunkohleveredelung Lauchhammer (BVL), sowie das Brennstoffinstitut in Freiberg zum Kombinat. Es versorgte das gesamte Land mit Gas: 17 Millionen Einwohner, inklusive aller Dorffrauen und Straßenfeger.

Als Generaldirektor baute er die Strukturen um und ließ Weiterbildungsmöglichkeiten für jeden Bedarf entwickeln. Er arbeitete eng mit der Bergakademie Freiberg und der Technischen Universität (TU) Dresden zusammen und führte so das Kombinat Ende der 1970er-Jahre in die Gewinnzone. Seine Kompetenz und sein Wirken wurde auch international hoch anerkannt: 1985 wurde er Vize- und 1988 schließlich Präsident der Internationalen Gas-Union.

Herbert Richter war gern mit den Kumpeln zusammen, kam oft sonntags oder zu Schichtbeginn morgens um halb sechs unangekündigt mit seinem privaten Trabi und schaute nach dem Rechten. Sein ausgeprägtes soziales Bewusstsein zeigte sich im großen Bemühen um die Werktätigen, sowohl in als auch außerhalb der Werke. In Hoyerswerda organisierte er Volksfeste, ließ das dortige Kulturhaus, die Lausitzhalle, mit hohem persönlichen Einsatz als Schwarzinvestition bauen. Er engagierte sich für die Poliklinik und unterstützte Schulen.

Als Generaldirektor war er ein geachteter Taktiker und immer bereit zur Selbstkritik. Er war von der kommunistischen Grundidee einer sozialen und solidarischen Gesellschaft überzeugt und glaubte bis zum Ende der DDR nicht an das Ende der DDR.

Auch nach der Wende engagierte sich Richter. Er beriet und leitete Forschungsprojekte an der Universität Cottbus sowie Anlagenbauprojekte in der Lausitz. Als ich ihn das letzte Mal in seinem Reihenhäuschen in Cottbus besuchte, arbeitete er gerade an einer Studie für Auftraggeber aus Japan. Bis zu seinem Tod war er im von ihm mitgegründeten Traditionsverein „Glückauf Schwarze Pumpe“ aktiv.

Herbert Richter war Manager und Politiker in einem, jemand der hart arbeitete für seine Vorstellungen von Gesellschaft: „Immer mit dem Ziel, sozialer und gerechter zu sein.“

Die Biotürme Lauchhammer sind heute als Industriedenkmal begehbar. Die konischen Klinkerbauten sind als Anlage zur bakteriellen Klärung von Schmutzwässern der Großkokerei errichtet worden. Herbert Richter hat sich mit der Anlage für den Schutz der Schwarzen Elster eingesetzt.
Die Biotürme Lauchhammer sind heute als Industriedenkmal begehbar. Die konischen Klinkerbauten sind als Anlage zur bakteriellen Klärung von Schmutzwässern der Großkokerei errichtet worden. Herbert Richter hat sich mit der Anlage für den Schutz der Schwarzen Elster eingesetzt. FOTO: Steffen Rasche