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| 17:00 Uhr

Spremberg
Den Nachwuchs ins Leben begleiten

Heimleiterin Corinna Klonz sagt: „Hier erleben die Kinder den Alltag wie in einer großen Familie.“
Heimleiterin Corinna Klonz sagt: „Hier erleben die Kinder den Alltag wie in einer großen Familie.“ FOTO: Rene Wappler
Spremberg. Wie sich die pädagogische Arbeit mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen gestaltet.

Fast könnte es sich um eine klassische Wohngemeinschaft von Studenten handeln. Vom Flur in der zweiten Etage führt der Weg in die Küche, voll ausgestattet mit Herd, Backofen und Mikrowelle. Nebenan liegt das Gemeinschaftszimmer. Ein Fernseher hängt an der Wand neben dem Fenster, davor ein Tisch samt geräumigem Sofa.

Allerdings leben im Gebäude an der Dresdener Chaussee in Schwarze Pumpe keine Studenten, sondern Kinder. 17 Mitarbeiter betreuen sie.  Corinna Klonz leitet das Haus, das seit 73 Jahren besteht. „Die Kinder kommen zu uns, wenn ihre Eltern nicht mehr in der Lage sind, sie zu fördern, wie es angemessen wäre“, sagt sie. „Jedes Kind bringt seine Eigenheiten mit, seine Vorlieben und Bedürfnisse.“

Das Erzieher-Team begleitet die Bewohner in ein selbstständiges Leben. Kleinere Kinder lernen, wie sie sich die Zähne richtig putzen, wie sie sich die Schuhe zubinden. Schritt für Schritt erfahren sie, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Leiterin Corinna Klonz erklärt: „Dabei erfahren sie den Alltag wie in einer Familie.“

Geradezu als Symbol könnte die Waschmaschine dienen, die im Bad auf der zweiten Etage in einer Ecke steht. Sobald die Bewohner des Kinderheimes alt genug sind, kümmern sie sich selbst darum, dass ihre Wäsche sauber wird. Insofern reicht ihre Verantwortung sogar über den Alltag mancher klassischen Familien hinaus.

Im Spremberger Heimatkalender des Jahres 1995 berichtete die Autorin Irmgard Wiciak aus der Geschichte des Kinderheimes. Demnach wurde es im Mai 1945 als Waisenhaus in der Wiesengasse eröffnet. „Wie schwer die Betreuung der Kinder war, geht schon daraus hervor, dass zum Beispiel als Waschküche eine alte, ungeheizte Garage diente“, schrieb Irmgard Wiciak. „Ein alter Kessel, eine Wanne und ein Waschbrett mussten genügen.“

Im März 1947 übernahm Lisa Anton die Leitung des Heimes. Sie selbst erinnerte sich im Alter von 100 Jahren im Gespräch mit der RUNDSCHAU an diese Zeit. „35 bis 40 Kinder lebten im Heim, unter ihnen sieben Kriegswaisen, die später tüchtige Menschen wurden und immer lieb und dankbar waren.“ Falls ein Kind mal aus der Reihe tanzte, lud sie es zu einer Aussprache in ihr Büro ein und redete ihm ins Gewissen: „Wir sind alle für dich da, aber du musst auch für uns da sein.“ Falls diese Aussprache immer noch nichts brachte, griff sie zu einem anderen pädagogischen Mittel: Sie drohte mit einem Reiseverbot für den alljährlichen Camping-Ausflug an den  Schwielochsee. „Da haben sie sich wirklich am Riemen gerissen.“

Mit 103 Jahren starb Lisa Anton, die älteste Sozialdemokratin des Landes Brandenburg, im April 2018. Manche ihrer Regeln gelten heute noch im Kinderheim, wenn auch an moderne Zeiten angepasst. So kann es schon mal vorkommen, dass sich einer der 38 Bewohner partout nicht an die Absprachen halten will. Heimleiterin Corinna Klonz sagt: „Dann hilft meistens Handyentzug oder ein Fernsehverbot.“

Dabei handelt es sich allerdings um Ausnahmen. Viele Leute haben noch das Bild einer nahezu militärisch strengen Struktur im Kopf, wenn sie von einem Kinderheim hören. Doch das ist lange vorbei, wie die Mitarbeiter in Schwarze Pumpe berichten. „Wir arbeiten mit den Eltern zusammen“, erläutert Corinna Klonz. „Unser Ziel lautet ja, die Kinder eines Tages wieder in die Obhut ihrer Familie zu geben.“

Als einziges Kinderheim des Landes Brandenburg befindet sich das Haus in Schwarze Pumpe noch in öffentlicher Trägerschaft, und zwar in der Obhut des Spree-Neiße-Kreises.