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DDR-Gefängnis wirft langen Schatten

Der frühere Häftling Dieter Dombrowski führt die Spremberger Besucher durch die alten Gefängniszellen.
Der frühere Häftling Dieter Dombrowski führt die Spremberger Besucher durch die alten Gefängniszellen. FOTO: René Wappler
Spremberg/Cottbus. CDU-Mitglieder aus Spremberg haben am Dienstag das Menschenrechtszentrum Cottbus besucht – gemeinsam mit dem christdemokratischen Landtagsabgeordneten und früheren politischen Häftling Dieter Dombrowski. René Wappler

Vielleicht deutet sich in diesem Dialog an, was die politische Haft aus einem Menschen macht. Nach dem Rundgang sitzen die Besucher zusammen, und Dieter Dombrowski erwidert auf die Frage, wie es ihm bei solchen Besuchen in Cottbus geht: "Da ich nie allein hier bin, komme ich gar nicht dazu, mich irgendwie zu fühlen."

Die Leiterin des Menschenrechtszentrums, Sylvia Wähling, schaut ihn von der Seite an: "Man hat doch immer Gefühle."

Dieter Dombrowski antwortet: "Ja? Ich nicht."

Vier Jahre saß er im Cottbuser Gefängnis an der Bautzener Straße, verurteilt wegen Republikflucht und staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme. Von ähnlichen Biografien berichtet die Ausstellung im Menschenrechtszentrum: Elf Monate lang war Manfred Krafft aus Peitz im Haftarbeitslager in Schwarze Pumpe eingesperrt, nachdem er vor einer Schule eine DDR-Fahne verbrannt hatte. Später half er einem Freund, der heimlich einen ausrangierten NVA-Hubschrauber in einem Gubener Kindergarten für eine Flucht nach Westberlin instandgesetzt hatte. Das Fluggerät hob allerdings nur einen Meter vom Boden ab. Erneut kam Manfred Krafft ins Gefängnis - dieses Mal nach Cottbus.

Vier Monate Untersuchungshaft, sechs Monate Zwangsarbeit in Schwarze Pumpe: Diese Strafe musste der politische Gefangene Bernhard Cofalla erleiden. Er erinnert sich in der Ausstellung: "Es war eine schwere Zeit für mich. Das verfolgt mich bis heute."

Im politischen Knast in Cottbus unterhielt das Spremberger Laminatwerk eine Außenstelle. Nach Angaben des Menschenrechtszentrums produzierte die Firma dort bis zum Jahr 1989 Buchsen aus Sprelacart. "Gegen die giftige Staubentwicklung wurden kleine Milchrationen ausgegeben", heißt es auf einer Schautafel. "Noch heute leiden etwa 60 Prozent der ehemals Inhaftierten unter Folgeschäden" - wie Schlafstörungen und Depressionen. Nach Angaben der Bundesstiftung Aufarbeitung setzten die Leitungen der Vollzugsanstalten auf militärische Disziplin. Die Insassen waren oft Schikanen und Gewalt durch das Personal ausgeliefert.

Für die Arbeit standen dem jeweiligen Häftling seit dem Jahr 1977 offiziell 18 Prozent des üblichen Nettolohnes zu. Die Betriebe überwiesen den Haftanstalten zwar ungefähr 400 DDR-Mark im Monat, den üblichen Lohn für Hilfsarbeiter. Doch der Häftling selbst erhielt nur einen Anteil von 72 Mark. Davon gingen wiederum Rücklagen für die Zeit nach der Entlassung ab.

Sylvia Wähling vom Menschenrechtszentrum sagt, sie habe zwei Mal versucht, Kontakt zur heutigen Leitung der Spremberger Sprela-Werke zu knüpfen. "Wir wandten uns mit der Bitte um ein paar Unterlagen an das Unternehmen", erläutert sie. "Aber es kam nicht einmal eine Antwort. Nichtsdestotrotz werden wir es jetzt noch einmal für eine Ausstellung zur Zwangsarbeit probieren." Schließlich sei das Menschenrechtszentrum daran interessiert, die Geschichte von verschiedenen Seiten zu beleuchten. "Der Häftling hatte doch notgedrungen nur seine eigene Perspektive", erläutert Sylvia Wähling. "Er bekam kaum einen Einblick in den Alltag der Wärter."

Dennoch scheint der Gefängnisaufenthalt die Perspektive vieler Insassen erweitert zu haben, wie Dieter Dombrowski berichtet - auch wenn andere Häftlinge wiederum am täglichen Terror zerbrachen. "Da wir in Freiheit leben, haben wir die Verantwortung, für andere etwas zu tun", sagt er. "Allein an einen Menschen eine Karte zu schicken, der im Iran im Gefängnis sitzt, das kann ein Leben retten. Weil er sieht: Er ist nicht vergessen."

Zum Thema:
Das Menschenrechtszentrum Cottbus in der Bautzener Straße 140 ist dienstags bis freitags von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, samstags und sonntags von 13 Uhr bis 18 Uhr. Der Einlass erfolgt bis jeweils eine Stunde vor Schließung der Gedenkstätte. Das Gefängnis wurde 1860 in Betrieb genommen und diente in fünf Perioden - der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, der NS-Zeit, der DDR und danach bis zum Jahr 2002 - als Vollzugsanstalt.