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| 01:32 Uhr

Das Wendische lebt (noch)

Briesen. Vielerorts in der Lausitz werden sorbische/wendische Traditionen gepflegt. Schulen und Kindergärten bemühen sich, die sorbische/wendische Sprache weiterzugeben. Trotzdem gibt es Befürchtungen, dass ein Teil dieser Kultur verloren geht. Von Nicole Nocon

“Die Sprache unserer Eltern wird aussterben„, befürchtet Joachim Dieke. Der Bürgermeister von Werben sieht mit Sorge, dass das Wendisch, das ältere Werbener noch sprechen, mit dieser Generation verschwinden wird. Selbst wenn Kinder der Gemeinde das Niedersorbische Gymnasium besuchten, könne das den Verlust der Sprache nicht aufhalten. “Wir sind Wenden. Die Sprache, die in den Schulen gelehrt wird, ist nicht unsere„, sagt Joachim Dieke.

“Das Niedersorbische ist generell bedroht„, bestätigt Dr. Hauke Bartels, der Sprachwissenschaftler und Leiter der Abteilung für Niedersorbische Forschungen am Sorbischen Institut in Cottbus. In der Wissenschaft werde das übliche Begriffspaar Sorbisch/Wendisch nicht verwendet. “Es wird nur zwischen Niedersorbisch und Obersorbisch unterschieden„, erklärt er. Beim Niedersorbischen, das etwa am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus gelehrt werde, handele es sich um die Schriftsprache. “Wendisch, damit sind heute meist die Dialekte gemeint, die gesprochene Sprache, die sich von Ort zu Ort unterscheiden kann„, erläutert der Sprachwissenschaftler. “Diese Dialekte werden in der Regel nur noch von alten Leuten gesprochen. Das ist tatsächlich ein Problem und sehr traurig aus der Sicht der Dialektsprecher„, räumt Dr. Bartels ein. Eine Verständigung sei aber durchaus möglich. “So groß sind die Unterschiede nicht„, sagt der Fachmann.

Das Sorbische Institut, aber auch ein Sprachforscher der Universität Saarbrücken haben Tonaufnahmen wendischer Mundart archiviert. So blieben diese Dialekte für die Nachwelt erhalten. “Da es keine Dorfschulen mehr gibt und kaum noch Dialektsprecher unter Lehrern und Erziehern, ist die einzige Möglichkeit, das Wendische in der Praxis zu bewahren, die Dialekte von Generation zu Generation weiterzugeben. Hierbei sind die Sprachgemeinschaften in den Dörfern selbst gefordert„, sagt Dr. Bartels.

“Das Wendische lebt„ - so ist das Frühjahrsprogramm der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur betitelt. “In unseren Sprachkursen wird das Niedersorbische, die Schriftsprache vermittelt„, sagt Schulleiterin Maria Elikowska-Winkler. Sie sei vielmehr ein gemeinsamer Nenner, der Versuch, eine Sprache schriftlich zu erfassen, in der es von Ort zu Ort viele Varianten gebe. “Das Wendisch hingegen ist die Umgangssprache. Und die ist mündlich„, erklärt sie.

Seit der Wende bemühten sich die Sprachlehrer wieder mehr, die mündlich überlieferte Aussprache einer Region zu berücksichtigen. “Ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der gesprochenen Sprache„, betont Maria Elikowska-Winkler. “Regelmäßig bieten wir Vor-Ort-Treffen mit Muttersprachlern an, so etwa in Drachhausen oder Döbbrick„, sagt sie. “In Jänschwalde haben wir einen Sprach-Campus veranstaltet, wo mit den wendisch sprechenden Einwohnern über Leinverarbeitung gesprochen wurde„, sagt Maria Elikowska-Winkler. Trotzdem arbeite die Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur daran, die Menschen vor Ort zu ermutigen, ihren Dialekt in den Familien zu pflegen und weiterzugeben. “Noch lebt das Wendisch„, unterstreicht sie. “Sein Überleben hängt aber von der mündlichen Überlieferung ab. Wenn es nicht in einer intakten Kommunikationsfamilie gepflegt wird, werden Dialekte und lokaler Wortschatz verloren gehen„, schätzt sie ein. Diese Entwicklung sei trotz vielfältigen Engagements kaum aufzuhalten. “Alle schulischen oder institutionellen Bemühungen fruchten nicht, wenn die Resonanz bei den Muttersprachlern und ihren Nachkommen fehlt„, sagt Maria Elikowska-Winkler.