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| 11:43 Uhr

Spremberg
Wie sich die Wildnis in den Revieren entwickelt

Spremberg. Das Sachbuch zu den Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz und in Mitteldeutschland ist auch etwas für die Laien unter den Naturfreunden.

Die Bergbaufolgelandschaft des Tagesbaus Welzow-Süd überrascht mit seiner Artenvielfalt. Wer schon einmal dem kleinen Wiedehopf-Schild des ornithologischen Lehrpfads über die Hochkippe zum Wolkenberg folgte, geführte Naturwanderungen miterlebt hat oder auch Vorträgen zum alljährlichen Spremberger Wasser- und Naturschutztag lauschte, weiß die Chance der Bergbaufolgelandschaft für seltene Tiere und Pflanzen zu schätzen.

Langjährige Studien und Monitorings haben beispielsweise den Schmalbindigen Breitflügel-Tauchkäfer, den Sandohrwurm, geschützte Schmetterlinge wie die Goldene Acht, der Großen Feuerfalter und die Kupferglucke sowie die Europäische Gottesanbeterin ins Rampenlicht gesetzt. Neben den Feldhasen, Fischottern und den Bibern, Seeadlern und Fischadlern, Kranichen und Wölfen.

Das neue Buch „Arten und Lebensräume der Bergbaulandschaften“ fasst das jetzt viele Studien zusammen. Unter der Leitung des Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde und der Hochschule Anhalt in Bernburg-Strenzfeld konnten Wissenschaftler und Fachleute des Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacro, von Beak-Consultants aus Freiberg sowie von der Heinz-Sielmann-Stiftung und der BUND-Stiftung Wildnis Goitzsche Beobachtungen aus den vergangenen 30 Jahren im Lausitzer und Mitteldeutschen Revier auswerten und auf 560 Seiten aufbereiten. Nicht nur wegen der vielen Fotos lohnen sich die 64 Euro auch für Laien oder wenigstens für die Bibliotheken in der Lausitzer Region.

Es wird nicht nur aufgezählt, wer da alles krabbelt und singt. Ingmar Landeck vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften beschreibt, wie die für Kompostierung und Bodenauflockerung so wichtigen Regenwürmer die Bergbaufolgelandschaften erobern: Sie kommen nicht sofort, sondern nach fünf bis sechs Jahren, und ihre durchschnittliche Lebensraumerweiterung pro Jahr liegt maximal bei fünf bis zehn Metern. So schaffe der Kleine Wiesenwurm, sagt Landeck, in Kulturböden 4,3 Meter im Jahr, der Rotwurm im Blattkompost 2,1 Meter. Bis zu acht Jahre alt werden Regenwürmer, und bei besonders kleinwüchsigen Arten sei zudem nicht ausgeschlossen, dass ihre Kokons in die ehemaligen Tagebauflächen geweht oder gespült werden.

Die Ordnung der Webspinnen kommt mittels Seidenfaden und Luftströmung wesentlich schneller vorwärts. Der Elbe-Biber und der Wolf bekommen ihre Kapitel. Reinhard Reißmann von der Beak Consultants GmbH, der auch schon in Spremberg zur Natur in der Bergbaufolgelandschaft referiert hat, übernahm fürs Buch die Käfer, die das Wasser bewohnen. Und bevor er den Überblick über 120 Arten in der Bergbaufolgelandschaft gibt – 336 wasserbewohnende Käfer gibt es in ganz Deutschland – erklärt er seine Fangmethoden. Neben Kescher, Licht- und Köderfängen schwört er aufs Kick-Sampling: In flachen Bereichen fließender wie stehender Gewässer stampft er mal kräftig auf oder trameplt kurz. Dann wollen die Käfer wissen, wer da stört. Den Vögeln und Amphibien widmet sich Ralf Donat von der Sielmann-Stiftung. In Steckbriefen beschrieben werden von Landeck und Antje Lorenz die vielen Biotop- und Vegetationsarten, die in den Bergbaufolgelandschaften – zumindest für eine Weile – zu finden sind.

Jörg Schlenstedt von der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft darf die Optionen und Anforderungen an die Sanierung zusammenfassen und stellt erst einmal klar: „Ein Braunkohlentagebau mit seinen steilen Böschungen, seiner vegetationsfreien Innenkippe, den Wasserhaltungen und bis hundert Meter tiefen Abgrabungsbereichen ist eine ingenieurtechnisch geplante Betriebsstätte. Er ist als künstliches Bauwerk zu begreifen.“ Er rät bei der Sanierung zu Wällen aus Totholz und Findlingen und zum Anbau historischer Obstbaumsorten, um weitere Arten anzulocken. Die Förster bittet Schlenstedt, an der Nährstoffarmut auf den Waldstandorten in der Bergbaufolgelandschaft nicht zu rühren, sondern sie der natürlichen Entwicklung zu überlassen – um eben diese karge Standortbesonderheit, die einige Pflanzen und Tiere zu schätzen wissen, möglichst lange zu retten. Vor allem das Wasser und seine Qualität seien zu beobachten. Die Wildnis-Entwicklungsgebiete in den Lausitzer und mitteldeutschen Revieren seien zwischen 380 bis mehr als 1000 Hektar groß. Schlenstedt bittet dafür um Wertschätzung und um Distanz. So wie auf dem Faltblatt für den ornithologischen Lehrpfad, das grundsätzlich ermutigt das „Neuland“ bei Spremberg zu entdecken: Sowohl die Dämmerungszeit als auch die Nacht sollte den Tieren vorbehalten bleiben.

Das Buch ist im Shaker Verlag erschienen I und kann unter der ISBN 978-3-8440-5040-0 bestellt werden.