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Das letzte Foto des Nazi-Gegners aus Schwarze Pumpe

Erstmals äußert sich Hannelore Schmidt öffentlich über ihren Vater, Fritz Schulz aus Spremberg, den die Nationalsozialisten ins Zuchthaus steckten.
Erstmals äußert sich Hannelore Schmidt öffentlich über ihren Vater, Fritz Schulz aus Spremberg, den die Nationalsozialisten ins Zuchthaus steckten. FOTO: Wappler
Spremberg/Hoyerswerda. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt. Doch Hannelore Schmidt bewahrt seine Briefe aus dem Zuchthaus bis heute auf. Ein Gedenkstein in Schwarze Pumpe erinnert an Fritz Schulz aus Spremberg, der kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. René Wappler

Eine kleine Wohnung in einem Hochhaus in Hoyerswerda. Dort sitzt Hannelore Schmidt an ihrem Wohnzimmertisch, wo sie die alten Postkarten ihres Vaters neben seinem Porträtfoto ausbreitet. "Das einzige Bild, das ich von ihm besitze", sagt sie. "Früher stand es in der Küche auf dem Schrank." Hannelore Schmidt, 73 Jahre alt, pflegt so das Andenken an einen Mann, den sie nur vom Hörensagen kennt. Als Fritz Schulz starb, vermutlich im Februar 1945, war sie gerade zwei Jahre auf der Welt. Also kann sie sich nur auf dieses Foto stützen, auf seine Postkarten und auf die Erinnerungen ihrer Mutter, die nur gut von ihm gesprochen habe. "Er war wohl auch ihre große Liebe", sagt sie. Erstmals spricht sie öffentlich über ihn. In Schwarze Pumpe wurde eine Straße nach Fritz Schulz benannt, der einst am Brigittenhof lebte. Die Nazis steckten ihn ins Zuchthaus, nachdem er mit Flugblättern zum Kampf gegen das Regime aufgerufen hatte. Noch im Gerichtssaal soll er gesagt haben: "Wartet mal, bis die Russen kommen, die hängen euch Nationalsozialisten auf." So wurde es jedenfalls seiner Tochter Hannelore Schmidt überliefert.

Hoffnung auf ein Wiedersehen

Auf seinen Postkarten aus dem Zuchthaus äußerte sich Fritz Schulz nur noch politisch neutral. Mehr hätte die Zensur auch nicht zugelassen. Diese Karten gelten als seine letzten Lebenszeichen. "Ihr lieben Allen", so leitete er sie stets ein. "Arbeite als Dreher, gefällt mir gut", schrieb er. "Wie viele Kirschen abgemacht?", fragte er seine Familie. Ihr Haus samt dem Garten stand dort in Schwarze Pumpe, wo sich heute die Tankstelle am Ortsausgang der Dresdener Chaussee befindet. "Hoffentlich ist der Krieg 44 zu Ende", steht auf einer weiteren Postkarte.

"Ein baldiges gesundes Wiedersehen erhoffend, Euer Papa. Gruß an Walter und gratuliere der Hannchen." Die Hannchen, das war die kleine Tochter, die heute als Rentnerin in Hoyerswerda lebt. Noch während des Zweiten Weltkrieges wurde das Haus der Familie in Schwarze Pumpe abgefackelt, wahrscheinlich von der russischen Armee. Die Mutter packte das Nötigste auf einen großen Leiterwagen, und so begann die Odyssee zur Tante nach Neuwiese. "Dort kamen wir erst mal ein bisschen zur Ruhe", sagt Hannelore Schmidt.

Offiziell bekannt wurde der Tod ihres Vaters erst nach Kriegsende. Sie kann sich nur daran erinnern, dass "irgendwelche Leute" mit einer Urne kamen, vielleicht von der Freien Deutschen Jugend - kurz: FDJ - vielleicht auch von irgendeiner anderen Organisation. Leise Zweifel hegt sie daran, dass sich in der Urne wirklich die Asche von Fritz Schulz befand. Die Frage, ob er wirklich am 9. Februar 1945 starb, ließ sich ebenso nie mit Gewissheit klären.

Zweifel begleiteten Hannelore Schmidt auch später. Sie weigerte sich, in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands einzutreten, auf deren Genossen sich die DDR-Diktatur stützte. "Wir hatten schon früher Kontakt in den Westen, weil meine große Schwester nach Bremen gezogen war", erzählt sie. "Dadurch lernten wir die andere Seite etwas besser kennen, und mir wurde klar, dass wir in der DDR nicht so frei über unser Leben bestimmen durften, wie es uns der Staat weismachen wollte."

Seit dem Jahr 1976 lebt Hannelore Schmidt in Hoyerswerda. Sie arbeitete lange Zeit als Sekretärin, und als die DDR zusammenbrach, verlor sie ihren Job. Das bedauert sie immer noch. Und so sagt sie auch über die heutige Zeit: "Man kann in der Gesellschaft nur wenig beeinflussen. Leider."