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| 02:52 Uhr

Das Dorf Tschernitz lebt in Angst

Im Schaukasten hat der Bürgermeister "wichtige Hinweise zum Schutz des persönlichen Eigentums” ausgehangen. Er setzt auf mehr Polizei, warnt vor Lösungen, die "möglicherweise nicht in das System der Rechtstaatlichkeit passen können".
Im Schaukasten hat der Bürgermeister "wichtige Hinweise zum Schutz des persönlichen Eigentums” ausgehangen. Er setzt auf mehr Polizei, warnt vor Lösungen, die "möglicherweise nicht in das System der Rechtstaatlichkeit passen können". FOTO: René Wappler
Tschernitz. In Angst vor Einbrechern leben die Einwohner von Tschernitz. Zwar hat die Polizei im Dezember ein Grundstück im Ort durchsucht und einen Ermittlungserfolg verkündet. Doch die Serie der Straftaten reißt nicht ab. René Wappler

Wer sich im Ort nicht auskennt, kann das Grundstück leicht übersehen. Nur ein schmaler Weg führt zum grauen Haus in der zweiten Reihe. Hinter verschneiten Bürgersteigen und Geschäften, vorbei an ein paar Mülltonnen.

Vorn die friedliche Fassade - dahinter der Spuk, der viele Tschernitzer nachts kaum noch schlafen lässt. Zwar wünscht ein Schild am Landgasthof in Kreideschrift den Gästen "ein gutes neues Jahr". Doch für die Einwohner setzt sich ein Alptraum fort, der sie vermuten lässt: Gut wird es kaum. Eher schrecklich.

Seit dem Februar 2015, als die neuen Nachbarn in das Gebäude zogen, kam es immer wieder zu Diebstählen. Ein Unternehmer aus der näheren Umgebung berichtet von drei Einbrüchen innerhalb weniger Wochen. Mal verschwand ein Tresor, dann wieder Geld und Zigaretten. Familien in Tschernitz vermissten plötzlich ihre Fahrräder und ihr Werkzeug. Sie alle wollen anonym bleiben, da die Angst tief sitzt.

Kurz vor Weihnachten besuchten Polizeibeamte das Grundstück, vor dem sich die Tschernitzer fürchten - und danach verkündeten sie einen Ermittlungserfolg: Für mindestens 50 Einbrüche sollen die Bewohner des Hauses verantwortlich sein, eine 32 Jahre alte Frau, und zwei Männer, 33 und 47 Jahre alt. Der Vorwurf lautet, sie hätten Lebensmittelgeschäfte und Firmen aufgebrochen. Geld, Werkzeug und technische Geräte zählen zur mutmaßlichen Beute. Zudem fanden die Polizisten auf dem Grundstück einen Renault und einen Peugeot. Beide Autos waren in Berlin als gestohlen gemeldet. Der Gesamtschaden belaufe sich wohl auf eine Summe im "oberen fünfstelligen Bereich". Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nun weiter: Noch sind nicht alle beschlagnahmten Gegenstände konkreten Eigentümern zugeordnet.

Fast sah es so aus, als würde mit dem Durchsuchen des Grundstücks endlich Ruhe einkehren. Doch die Einbruchsserie setzt sich fort. Am vergangenen Wochenende meldete die Polizei: Zwei Autos und ein Motorrad seien von einem Grundstück am Tschernitzer Weg in Döbern verschwunden. Eine Rentnerin aus Tschernitz erzählt, erst vor wenigen Tagen habe nachts jemand die Tür ihres Schuppens geöffnet. Ob etwas gestohlen wurde, kann sie allerdings noch nicht sagen.

In dieser Woche will sich Bürgermeister Peter Drobig mit Fachleuten von der Polizei treffen. Er hofft auf Hilfe für die aufgebrachten Dorfbewohner, die sich selbst auf ihren eigenen Grundstücken nicht mehr sicher fühlen. In einem Schaukasten an der Hauptstraße hat er einen offenen Brief angebracht: "Wichtige Hinweise zum Schutz des persönlichen Eigentums." Darin berichtet er von Tätern, die "zu tiefster Schlafenszeit" unterwegs sind. "Fenster werden eingeschlagen, Türen aufgebrochen und die Objekte nach Geld, Schmuck und anderen Sachwerten durchsucht."

Für Ende Januar kündigt Peter Drobig eine Sondersitzung der Gemeindevertreter an. "Als ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Tschernitz fühle ich mich für die jetzige Situation mitverantwortlich und werde alles in meinen Kräften Stehende tun, um nach geltendem Recht die Interessen der Einwohner durchzusetzen." Zwei Aspekte erscheinen ihm wichtig: Die Tschernitzer wollen ohne Angst ihre Grundstücke verlassen und sie bei der Rückkehr unversehrt vorfinden. Zudem wünschen sie sich, ihrer Arbeit sicher nachzugehen und auch mal mit Freunden feiern zu können, ohne sich um ihr Eigentum daheim zu sorgen.

Nun denken in Tschernitz bereits die ersten Einwohner darüber nach, eine Bürgerwehr zu gründen. Doch Peter Drobig gibt zu bedenken: "Für die Gewährleistung von Recht und Ordnung sind die Mitarbeiter der Polizei und Justiz verantwortlich." Zugleich kritisiert der ehrenamtliche CDU-Bürgermeister: Gerade an diesen "wichtigen Grundpfeilern der demokratischen Ordnung" würden Stellen und damit Personalkosten gespart. Deshalb fühlen sich die Menschen nach seinen Worten vom Staat alleingelassen - und sie suchen nach Lösungen, "die möglicherweise nicht in das System der Rechtsstaatlichkeit passen können".

Die Vorschläge des Bürgermeisters lauten anders. Zum einen könnten die Einwohner ihre Grundstücke so gut wie möglich sichern, auch mit moderner Technik. Zugleich räumt er ein: Dies dürfte in vielen Fällen teuer werden. Zum anderen plädiert Peter Drobig dafür, "den politischen Druck zu erhöhen" - auf die Abgeordneten im Landtag und im Bundestag. Eine solche Initiative, daran glaubt er, könne auch von kleineren Gemeinden ausgehen, nicht nur von großen Städten.