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| 15:44 Uhr

Offene Fragen der Kunstgeschichte
Stalin-Lampe gibt ihre Rätsel preis

Marina Budnitskaya und Ulrich Röthke erforschen, wie das Design für die Lampe in Spremberg nach Russland fand. Dieses Exemplar der sowjetischen Kopie erstand er für 130 Euro in einem Berliner Trödelladen.
Marina Budnitskaya und Ulrich Röthke erforschen, wie das Design für die Lampe in Spremberg nach Russland fand. Dieses Exemplar der sowjetischen Kopie erstand er für 130 Euro in einem Berliner Trödelladen. FOTO: LR / René Wappler
Spremberg/Cottbus. Cottbuser Forscher erkunden den Weg des Designs von Spremberg in die Sowjetunion.

Deutsche Forscher fragen sich, wie eine Lampe aus Spremberger Produktion den Weg in das Arbeitszimmer des sowjetischen Diktators Josef Stalin gefunden hat. Nun kommen sie der Lösung des Rätsels näher. Auf die richtige Spur führte der Hinweis einer russischen Doktorandin, die an der Universität in Cottbus arbeitet.

Ein Wörterbuch liegt rechts neben dem Kunsthistoriker Ulrich Röthke auf dem Tisch. Vor ihm steht eine russische Kopie der Lampe, die der Designer Christian Dell vor fast 100 Jahren im Auftrag der Spremberger Firma Römmler entwarf. Sie beleuchtet die Kataloge mit kyrillischer Schrift, in denen Ulrich Röthke und die Doktorandin Marina Budnitskaya blättern. Ihre Unterlagen erzählen von der Zeit der kommunistischen Parteitage, den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Grenze zwischen gelungenem und missglücktem Design.

Zum ersten Mal interessierte sich Ulrich Röthke für die Lampe, als er erfuhr, dass ein Exemplar den Nachbau vom Arbeitszimmer des Diktators Josef Stalin schmückt. Es befindet sich im Museum für politische Geschichte in Sankt Petersburg. Ulrich Röthke bereitet für das Jahr 2019 eine Bauhaus-Ausstellung in Cottbus vor. Dafür widmet er sich auch den Entwürfen des Designers Christian Dell. Und so packte ihn die Frage, wie die Lampe aus Spremberg zum sowjetischen Staatsführer gelangen konnte.

Zunächst dachte er, nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Produktion aufgrund der Demontage der Spremberger Firma einfach in die Sowjetunion verlagert worden. So lautete auch die These des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Kunststoffgeschichte, Dr. Günter Lattermann.

Doch dann kam die Doktorandin Marina Budnitskaya mit einem Hinweis zu Ulrich Röthke, der ihn aufhorchen ließ. „Ich kenne die Lampe aus Russland“, sagte sie. „Dort fand sie sich in vielen Büros als typischer Gebrauchsgegenstand.“ Sie forschte weiter nach und fand heraus, dass die Produktion in einem Werk der russischen Stadt Orechowo-Sujewo bereits im Jahr 1933 begonnen hatte, noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Bis zum Jahr 1972 stellte die Firma Jahr für Jahr 100 000 Exemplare der Lampe her, stets dem Design für das Unternehmen aus Spremberg nachempfunden.

Marina Budnitskaya schlägt einen Katalog auf, dessen Fotos das Mobiliar einer luxuriösen Datsche von Josef Stalin zeigen. In einem Zimmer stehen gleich zwei dieser Lampen. Ein anderes Buch dokumentiert, dass 35 Exemplare als Geschenke für die Delegierten des 17. Parteitages dienten, der im Jahr 1934 in Moskau stattfand.

Diese Lektüre hat Marina Budnitskaya vom früheren Direktor des Werks in Orechowo-Sujewo erhalten. Mitarbeiter der Firma vermittelten ihr den Kontakt zu Anatoli Nikolajewitsch Wetlow, woraufhin er ihr die Bücher und Kataloge zuschickte. Von ihm erfuhr sie auch, dass die Produktion während des Krieges nach Sibirien verlegt wurde, um sie vor den deutschen Soldaten zu schützen. „Große Teile des Archivs gingen leider aufgrund der Kriegswirren verloren“, sagt die Doktorandin. Deshalb trägt sie sich noch mit offenen Fragen. „Gern würde ich zuverlässige historische Quellen sehen.“

Wie ihr geht es dem Kunsthistoriker Ulrich Röthke. Er will erfahren, ob es sich bei der Lampe aus russischer Produktion um eine Raubkopie handelte oder ob doch eine Lizenz dafür existierte. Außerdem fasziniert ihn der Umstand, dass sie einst als Geschenk für die Delegierten des Parteitages diente. „Vielleicht galt sie sogar als Symbol der erfolgreichen Industrialisierung im Kommunismus“, sagt Ulrich Röthke. „Das lässt sich bestimmt vor Ort in den Archiven nachforschen.“

Darum wollen die Kunsthistoriker aus Cottbus im nächsten Frühjahr gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Kunststoffgeschichte nach Russland reisen. Aufgrund der Lampe haben sich bereits Forschungsbeziehungen zu Wissenschaftlern aus Moskau ergeben, wie Ulrich Röthke anmerkt. Womöglich findet er auch in der Spremberger Region noch neue Hinweise, die manches Rätsel aufklären. Zwar existiert die Römmler AG nicht mehr. Doch ein Teil des Betriebes ging nach dem Zweiten Weltkrieg in den Sprela-Werken auf, die auch der frühere russische Werksdirektor Anatoli Nikolajewitsch Wetlow für seine Arbeit als Polymerchemiker schon einmal besuchte.

Nicht nur die russische Firma bediente sich einst am Entwurf des Designers  Christian Dell. In der DDR wurde später eine ähnliche Lampe produziert, die jedoch nach den Worten von Ulrich Röthke manche Schönheitsfehler aufweist. „Beim Design von Christian Dell fließen die Formen wunderbar ineinander“, sagt er. „Die eckige, kantige Struktur der DDR-Lampe lässt vermuten, dass die Hersteller nicht verstanden haben, worin die Eleganz des ursprünglichen Entwurfes lag.“