Laut ist es in Gässners kleinem Getränke- und Weinhandel in der Langen Straße am Mittwochvormittag. Berthold Gässner hinterm Ladentisch nickt zur offenen Gaststubentür, „Wir haben mehrere Stühle weggeräumt. Jetzt sitzen die zwei Gäste im Sicherheitsabstand an verschiedenen Tischen. Nur viel lauter reden müssen sie miteinander.“ Gässner ist 81 Jahre alt und hat als Kind noch den Zweiten Weltkrieg erlebt. Zu mehreren Grippewellen weiß er die Zahl der Toten. Ihn ärgert, dass die Medien die jetzige Situation „so aufbauschen“. „In der DDR wäre das etwas anders geregelt worden“, sagt Berthold Gässner. Aber die Einschränkungen findet er völlig richtig, nur ruhiger damit umgehen sollten die Menschen. „Prima Sprit habe ich auch schon nachgeordert“, sagt er. Das ist mit 96,6 Pozent sein höchstprozentiger Schnaps im Regal. „Den nutzen viele zum Desinfizieren.“

Viele Geschäfte haben nach der landesweiten Rechtsverordnung geschlossen. Mehrere Bekleidungsläden, das Sportgeschäft in der Badergasse, Kosels „Moderne Haushhaltwaren“. Steffen Kosel bittet darum, Pakete und Briefe im polnischen Feinkostladen gegenüber abzugeben. Den Kunden schreibt er: „Halten Sie uns bitte weiterhin die Treue.“ Dieter Schultka vom Elektrofachhandel kommt schauen, wer sich die Nase an seinem Schaufenster platt drückt. Er lächelt, winkt und hofft, alle Kunden nach etwa vier Wochen gesund wieder zu sehen. „Alles Gute für Sie!“ hat er an die Ladentür geschrieben.

Mit Mutter an die frische Luft

Michaela Grieger versucht in den Freistunden ihrer derzeit gleitenden Arbeitszeit Sonne zu tanken. Sie findet es richtig, wie Sprembergs Geschäftsinhaber auf die Verordnung reagieren und wirklich schließen. Brigitte Grothe nickt: „Überall werden Wege gefunden, damit umzugehen. Auch im Pflegeheim. Meine Mutter, sie wird am Freitag 85, dürfen wir derzeit nur gestaffelt besuchen. Aber nachmittags können wir mit ihr immer an die frische Luft.“

Uhrmacher Carsten Handrick hat für seine Verkäuferinnen am Mittwochmorgen Kurzarbeit beantragt. „Ich war überrascht, wie kompetent und schnell uns da am Telefon im Arbeitsamt geholfen wurde. Aber auch im Rathaus lief das gut“, sagt Handrick. In seiner Werkstatt liege viel Arbeit. Die Sanktionen findet er richtig. Er hofft, dass sich viele Menschen daran halten, damit alles bald überstanden ist. „Einige meinen ja, dass wir das Schlimmste noch vor uns haben. Dass keiner weiß, wie lange es dauern wird, macht die Situation besonders schwierig. Die Bekleidungsgeschäfte haben die Frühjahrsmode bestellt oder schon hängen. Sie müssen sie bezahlen, aber wird sie noch jemand kaufen?“, so Handrick.

Nicht mehr als drei Kunden

Im Blumengeschäft Golnik und im Obst- und Gemüseladen werden die Kunden gebeten, Abstand zu halten. Maximal drei Kunden dürfen in den Laden. Alle anderen müssen auf dem schmalen Fußweg warten – und die Lust auf blumige Frühlingsgrüße, Obst und Gemüse ist groß.

Heike Woucznack, Optikermeisterin, hat mit einem Aufsteller die offene Ladentür zugestellt. Sie bittet die Kunden um drei Meter Abstand. „Ich will meine Mitarbeiter schützen und natürlich auch unsere Kunden. Ich bin wirklich entsetzt, wenn jetzt Eltern mit ihren kleinen Kindern oder auch Senioren, die besonders gefährdet sind, durch die Lange Straße bummeln“, sagt sie. Eine ihrer Mitarbeiterinnen, die noch ein sehr kleines Kind hat, hat sie nach Hause geschickt. „Sie muss das Kind jetzt nicht in die Kita bringen. Sie haben jetzt so viel Stress in den Einrichtungen“, sagt Heike Woucznack.

Sport an der frischen Luft

Martina Beck eilt durch die Lange Straße nach Hause: „Ich will den Nachmittag unbedingt für den Garten nutzen.“ Ob es auf dem Wasser im Kanu wohl am sichersten wäre? Das könne er nicht wissenschaftlich belegen, bleibt Uhrmacher Carsten Handrick, der auch Kanute ist, vorsichtig. Aber draußen Sport treiben, allein oder mit etwas Abstand von den Freunden, dazu könne er nur raten.

Im Sport- und Fitness-Center Sakura stehen die Geräte seit Mittwoch still. Kein Rad-Ergometer surrt, kein Gewicht fällt in die Halterung. Die Mitglieder müssen draußen bleiben. Zum Bedauern und zur Sorge der Betreiber. „Schließlich pausieren die laufenden Kosten wie Miete oder Strom dadurch nicht und müssen weiter bezahlt werden“, erklärt Studio-Leiterin Sandra Jung. Auch sie hat Kurzarbeitergeld für ihre Mitarbeiter beantragen müssen. „Vier Wochen können wir so durchhalten. Darüber hinaus ist unser Fortbestehen gefährdet“, offenbart die Studio-Leiterin. Von den angekündigten Hilfsmaßnahmen der Regierung oder des Landes halte sie nicht sonderlich viel. Zwar helfe dieser Kredit, aber ein Zinssatz von sieben Prozent sei reichlich überzogen, fügt sie hinzu. Also hofft Sandra Jung auf das Verständnis und die Solidarität der Sakura-Mitglieder. „In der Facebookgruppe unseres Studios werden wir ab sofort regelmäßig Fitness-Videos veröffentlichen, damit sich unsere Mitglieder, auch weiterhin fit halten können“, so die Betreiberin. Und mit ihrem Team startet sie den großen Frühjahrsputz.