Von Annett Igel-Allzeit

In Cantdorf soll es im Sommer 2020 vorm Friedhof blühen. Klatschmohn, Kornblumen, Nickende Disteln, Margeriten, Wiesen-Salbei, Witwenblumen und Schwarze Königskerzen hat die Biologin Christina Grätz mit auf ihrer Liste. 33 Arten sind es insgesamt. Am 18. Februar hatte sie die Samen für Cantdorfs Blumenwiesen-Standort gemischt.

3000 Quadratmeter seien es genau, sagt der Cantdorfer Gisbert Schur, Landwirt im Nebenerwerb. Er hat längst einen heißen Draht zu Christina Grätz und ihrem Unternehmen Nagola Re in Jänschwalde. Projektbezogen erzeugt die Biologin mit ihrem Team Begrünungsmaterial. Sie nennt ihre Methode Nagolieren: Das heißt, sie erforscht am zu begrünenden Standort zuerst, welche Pflanzenarten dort heimisch sind oder heimisch waren – ein Boden vergisst so schnell nichts –  und entwickelt aus ihren Entdeckungen dann die einheimische Saat-Mischung.

Das Cantdorfer Vorhaben ist das Pilotprojekt für eine ganze Wiesenblumen-Aktion, wie Doritha Drews, Sachgebietsleiterin Tiefbau und Grünwesen in der Stadtverwaltung, bestätigt. Der Spremberger Regionalverband des Naturschutzbundes (Nabu) startete sie gemeinsam mit der Stadt. Weitere Flächen in den Ortsteilen, im Stadtgebiet, in Kleingartenanlagen, auf Grundstücken von Firmen und Wohnungsunternehmen sollen dazukommen.

Christina Grätz freut, für einen Standort in ihrer Heimat „mischen“ zu dürfen. Sie hat im Spremberger Gymnasium ihr Abitur gemacht. Ihre Vorfahren stammen aus Radeweise. Als das Dorf 1986 dem Braunkohlentagebau Welzow-Süd weichen musste, ist die Familie nach Bühlow gezogen. Samenfluglinie Cantdorf - Bühlow? Die Biologin blinzelt durch den noch lichten Baumbestand.

Den Samen in einem Packpapiersack legt sie Gisbert Schur wie ein Baby in den Arm. Er hat die Erde  rechts und links vorm Friedhofseingang gut aufgelockert, etwas glatter ziehen will er die Erde noch, bevor er sät. Nur zwei Gramm pro Quadratmeter  – das wird nicht einfach. „Ich werde den Samen mit Schrot vermischen, damit er sich gut säen lässt“, erklärt er. Auch Hafer könnte er dafür nehmen, sagt Christina Grätz. Wie sie erklärt, sind sämtliche Samen im Sack Licht-Keimer. Sie müssen also nicht in, sondern nur auf die Erde.

Dass Regen kommt, dafür müssen alle die Daumen drücken. Ortsvorsteher René Nakoinz (CDU) schaut zum Friedhof. „Wahrscheinlich muss zur Bewässerung eine Anlage aufgebaut werden“, überlegt er. Christina Grätz schätzt, dass in diesem Sommer bestenfalls noch die Kornblume und die Kornrade aufgehen könnten. Alle übrigen Blumen dürfen die Cantdorfer erst 2020 erwarten. Grassamen habe sie bewusst nicht beigemischt, der sei noch reichlich im Boden und werde sich durchsetzen. Dass sich Schur vorgenommen hat, die linke Seite Ende Mai zu mähen und die rechte Seite erst im Herbst, begrüßt sie. So könne der Blütensamen reifen. Sie sei sehr gespannt und will immer mal gucken kommen.

Auch Imker Rolf Rüdiger Herz vom Spremberger Imkerverein war es wichtig, am Freitag bei der Sackübergabe dabei zu sein. „Allerdings helfen uns Imkern diese Blumenwiesen und Blühstreifen wenig. Sie sind wichtig für die Wildbienen, die Käfer und andere Insekten. Wir Imker brauchen für gute Erträge größere Flächen und die richtigen Bäume und Sträucher“, sagt Herz. Für zwei Winterlinden und drei Bergahorne am Friedhofsweg in Kochsdorf hat er sich bei Doritha Drews bedankt. Und dass Gisbert Schur es auf seinen landwirtschaftlichen Flächen mit Buchweizen probiert, freut ihn. Buchweizen kann an  einer einzigen Pflanze bis zu 1800 Blüten bilden, wenngleich Buchweizenhonig nicht jeder mag. Auch die Bienen seien da wählerisch, erklärt Herz und bittet Schur: „Säen Sie den Buchweizen immer etwas später, damit er nicht gleichzeitig mit der Linde blüht.“

Geht das Pilotprojekt im Ortsteil Cantdorf auf, wird es blau, violett, rosa, weiß und gelb blühen. Christina Grätz verspricht, mal von Blüte zu Blüte zu führen, wenn es den Cantdorfern vor ihrem Friedhof zu bunt wird.