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| 17:13 Uhr

Aus dem Gerichtssaal
„Er war eine tickende Zeitbombe“

Nachdem der Bundesgerichtshof der Revision von Markus Sch. (3.v.r.) gegen ein Urteil des Landesgerichtes Cottbus stattgegeben hatte, wird seit Dienstag neu verhandelt.
Nachdem der Bundesgerichtshof der Revision von Markus Sch. (3.v.r.) gegen ein Urteil des Landesgerichtes Cottbus stattgegeben hatte, wird seit Dienstag neu verhandelt. FOTO: LR / Medienhaus Lausitzer Rundschau/C
Cottbus/Spremberg. Am Landgericht Cott­bus begann der Revi­sionsprozess wegen Würgeattacke am Kran­kenhaus Spremberg. BGH hatte Straf- und Schuld­spruch aufgehoben. Von Christian Taubert

Das Urteil aus dem Vorjahr war überraschend: Freispruch und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ordnete das Landgericht Cottbus gegen Markus Sch. an. Eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung wurde aufgrund der festgestellten Schuldunfähigkeit des an paranoider Schizophrenie leidenden Täters fallen gelassen. Doch nach der vom Bundesgerichtshof (BGH) stattgegebenen Revision des Verurteilten kann nun alles ganz anders kommen.

Denn der BGH hob nicht nur die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus auf. Nach Ansicht der Karlsruher Richter berücksichtige das Urteil auch nicht zur Genüge die Frage der Gefahr, die von dem Mann ausging. So hat am Dienstag vor einer anderen Kammer des Cottbuser Landgerichts der Revisionsprozess begonnen, in dessen Verlauf auch die Tatvorwürfe des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung – die die Staatsanwaltschaft erneut zur Anklage brachte – neu bewertet werden müssen.

Verhandelt wird dabei der Angriff von Markus Sch. auf einen anderen Patienten im Krankenhaus Spremberg. Der Angeklagte soll am Neujahrsmorgen des Jahres 2017 versucht haben, den Patienten nach einem Streit zu erwürgen. Nur das Eingreifen von zwei Pflegerinnen, die auch als Zeuginnen auftraten, habe Schlimmeres verhindert.

Am Dienstag war eine der Krankenpflegerinnen erneut im Zeugenstand. Sie schilderte, wie sie an jenem Neujahrsmorgen zur Frühstückszeit die Stimme von Markus Sch. im Aufenthaltsraum vernahm, dazu ein Quietschen von Schuhsohlen. Sie habe ihre Arbeit sofort liegen lassen, um nachzuschauen. Da habe der Beschuldigte einen Patienten im Würgegriff gehalten. „Erst als ich ihn mehrfach angeschrien habe, dass er aufhören soll, hat er losgelassen“, sagt die Pflegerin. Dem attackierten Patienten sei die Angst ins Gesicht geschrieben gewesen. Von Markus Sch. habe sie den Eindruck gehabt, dass er sie und ihre Aufforderungen gar nicht wahrgenommen hatte. Er habe dem Attackierten zudem hinterher gerufen: „Beim nächsten Mal lasse ich dich nicht mehr los.“

Bereits im ersten Prozess hatten Zeugen ausgesagt, dass die Tat mit einer Lappalie begonnen haben soll: Der andere Patient habe Sch. darauf hingewiesen, dass er sich nicht so viel Kaffee eingießen solle, damit es zunächst für alle ausreiche. Diese Worte reichten, um den Angeklagten derart aufzubringen, dass er den Patienten abfälligst beschimpfte und ihn von hinten in den Würgegriff nahm. Auf Nachfrage eines Richters, wie sie den damaligen Zustand von Markus Sch., der schon mehrfach auf der Station war, einschätzen würde, sagte die 32-Jährige: „Er war eine tickende Zeitbombe.“ Zwar sei er freiwillig in Behandlung gekommen. Aber er habe Medikamente und Therapie abgelehnt. Nach Angaben des Gutachters glaubt der Mann, jemand habe ihm einen Chip in den Kopf gepflanzt, weshalb andere Menschen seine Gedanken lesen könnten.

Zum Prozessauftakt erklärte der 30-jährige Sch., dass ihm der Vorfall leid tue. Er wisse jetzt um seine Krankheit, nehme Medikamente und habe Spaß an der Therapie. Er könne sich zukünftig eine Arbeit in einer Behindertenwerkstatt vorstellen.