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Bei Kießigs steigt wieder süßer Duft empor

Jetzt gibt's wieder Kießigs Sauerteigsemmeln. Bäckermeister Reiner Kießig und Ehefrau Marina freuen sich, ihr Geschäft nach halbjähriger Zwangspause wieder öffnen zu können.
Jetzt gibt's wieder Kießigs Sauerteigsemmeln. Bäckermeister Reiner Kießig und Ehefrau Marina freuen sich, ihr Geschäft nach halbjähriger Zwangspause wieder öffnen zu können. FOTO: Würz
Spremberg. Ein halbes Jahr war sie geschlossen – jetzt strömt wieder süßer Duft aus der kleinen Backstube an der Spremberger Georgenstraße. Bäckermeister Reiner Kießig hat eine Hüftoperation gut überstanden. Nun hat er seine Traditionsbäckerei wieder geöffnet und die Kunden freuen sich. Catrin Würz

Alles wieder da, so lecker wie eh und je: Sauerteigsemmeln in einer geheimen Kreation des Chefs, Mohnkuchen nach dem uralten Familienrezept und die sündhaft leckeren Liebesknochen mit verschiedenen Füllungen. Die Stammkunden stürmen mit einem Lächeln der Erleichterung in den Laden. "Manche sagen, sie hätten Entzugserscheinungen gehabt", freut sich Bäckermeister Reiner Kießig schmunzelnd über den erfolgreichen Neustart in dieser Woche.

Doch so zum Lachen war die ganze Angelegenheit nicht von Anfang an. Wenn in einem kleinen Handwerksbetrieb wie dem Familienunternehmen Kießig der Chef ausfällt, steht oft die ganze Firma vor dem Ungewissen. "So war es im Prinzip ja auch bei uns", erzählt der 59-Jährige. Weil sich eine schon länger geplante Hüftoperation im vergangenen Herbst nicht mehr verschieben ließ, musste der Bäckermeister seine drei Angestellten entlassen und schließen. Seit Oktober war der Laden zu. Auch das lukrative Weihnachtsgeschäft entging dem Bäckermeister, der das Familienunternehmen bereits in vierter Generation führt. Sein Urgroßvater Carl Scharf hatte die Bäckerei einst an der Georgenstraße errichtet.

"Bloß gut, dass mir die wichtigsten Mitarbeiter über die Schließzeit nicht abhanden kamen", sagt Reiner Kießig lachend - und meint damit seinen 23-jährigen Bäckergesellen und seine Frau Marina, die die Dinge hinter der Ladentheke managt. Vereint und mit neuen Mitarbeitern will der kleine Bäckerbetrieb nach der halbjährigen Schließzeit nun wieder neu durchstarten.

"So eine Zwangspause ist ja auch eine gute Gelegenheit, mal bei anderen Bäckern zu kosten und zu schauen", erzählt der Unternehmer. Die Konkurrenz von den großen Bäckereiketten und in den Backshops der Discounter hat er probiert und natürlich auch die Produkte anderer kleiner Bäckereien aus der Region. Erschreckend findet er, was heute oft als gesundes Frische-Lebensmittel extra angepriesen wird und was zum Beispiel alles als Wunderwaffe aus Vollkorn angeboten wird. Viel zu viele Zusatzstoffe sind darin, die jeden Verbraucher misstrauisch machen sollten. "Mehr als fünf Inhaltsstoffe braucht ein gutes Lebensmittel nicht."

Reiner Kießig will deshalb jetzt ein eigenes Vollkornbrot kreieren, nach den eigenen hohen Maßstäben der alten Bäckerzunft. Ein Brot, in dem man die aufgenommene Sonnenenergie des Kornes spüren kann. Dass dies wirklich geht, beweisen einige Fotos, die Reiner Kießig an den Wänden seines Ladencafés zeigt. Dabei handelt es sich um Makroaufnahmen, die offenbar unter einem Elektronenmikroskop von Mehl und Teigwaren, wie zum Beispiel Roggenbrot, gemacht wurden. "Die hellen Lichtpunkte stellen die darin eingebundene Lichtenergie des Getreidekorns dar. Es ist ein Lebensbild von einem echten Lebensmittel", sagt der Firmenchef. Diese Lebensenergie ist um so größer, je hochwertiger und reiner die verarbeiteten Zutaten sind. Diese Theorie will der Bäckermeister auch für seine Vollkornbrot-Neuentwicklung anwenden.

Doch an den alten Familienrezepten für Kuchen und Gebäck, die teils noch von Reiner Kießigs Vater und Großvater stammen, wird nichts herumexperimentiert. "Dieser Geschmack ist doch unser Markenzeichen. Daran wird nichts verändert."