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Bei Heinrichs wohnte mal ein Drache

Gabriele Höppner präsentierte in Proschim die von ihr mitinitiierte Ausstellung "Spurensuche – Sagen und Landschaft". Diese entstand unter anderem durch Recherchen von Spreewälder Schülern bei ihren Großeltern, Verwandten und Bekannten.
Gabriele Höppner präsentierte in Proschim die von ihr mitinitiierte Ausstellung "Spurensuche – Sagen und Landschaft". Diese entstand unter anderem durch Recherchen von Spreewälder Schülern bei ihren Großeltern, Verwandten und Bekannten. FOTO: T. Richter/trt1
Proschim. In der Proschimer Ortsmitte muss es einst unheimlich zugegangen sein. Denn auf dem Gehöft Heinrich soll einst ein kleiner Drache, ein "Plon", gewohnt haben. Das berichtete zumindest Marianne Kapelle, eine Ur-Proschimerin, während einer Veranstaltung der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur über die heimische Sagenwelt. Torsten Richter / trt1

"Meine Oma ist auf diesem Gehöft groß geworden", erzählte Kapelle weiter. Der Drache habe dafür gesorgt, dass bei Familie Heinrich stets alles reibungslos funktioniere. Mehr noch: So hätten sich die Leute im Dorf erzählt, dass manchmal Feuerkugeln aus dem Schornstein aufgestiegen seien. Ein Fünkchen Wahrheit ist an jeder Sage dran, so also auch in Proschim. "Fakt ist nämlich, dass die Bewohnerin dieses Hauses als sehr schlau galt. Sie hat vieles richtig gemacht und somit auch Erfolg", erklärte Marianne Kapelle. Im Übrigen lebten die Heinrichs und ihre Nachfahren schon seit fast 70 Jahren nicht mehr auf dem besagten Hof an der Hauptstraße. Heute befindet sich gleich nebenan das Gemeindebüro.

Der "Plon" ist auch anderswo in der Lausitz sehr bekannt. Als Paradebeispiel gilt Drachhausen. Dort, so berichtet die Sage, lebten kleine Drachen auf manchen Dachböden. Tag für Tag wurden diese von den Bauersfrauen mit Hirsebrei versorgt. Zum Dank sorgten die mystischen Wesen für das Wohlergehen von Menschen und Tieren der jeweiligen Wirtschaften.

Selbst mit der Hirse habe es einen wahren Hintergrund, sagte der Proschimer Landwirt Johannes Kapelle. Galt das Getreide doch früher als Grundnahrungsmittel der Landbevölkerung. Sagenforscherin Gabriele Höppner ergänzte, dass der entsprechende Brei wahlweise mit Kraut oder Milch gegessen wurde.

Auch weitere Sagenfiguren faszinieren die Lausitzer bis heute. Beispielsweise die Lutki, menschenähnliche Wesen von Zwergengröße. Von ihnen wusste die Weskowerin Monika Kuhleee zu berichten: "An der Chaussee nach Groß Luja gab es einst ein kleines Buchenwäldchen. Dort sollen die Lutki gewohnt haben. Allerdings wurden die Bäume in den 1970er-Jahren im Zuge der landwirtschaftlichen Flächenvergrößerungen gerodet. "Demjenigen, der dies getan hatte, wurde später nachgesagt, er habe die Wesen vertrieben", so Kuhlee.

Die Lausitz gilt im deutschlandweiten Vergleich als sagenreiche Gegend. Sagenforscherin und Landschaftsplanerin Gabriele Höppner glaubt, eine Ursache für dieses Phänomen gefunden zu haben: "Da die Lausitz von ihren natürlichen Verhältnissen eine recht ärmliche Gegend ist, mussten die Bewohner diesen Nachteil durch ihre Schlau- und Geschicktheit ausgleichen. So entstanden Fantasiefiguren, die besondere Begabungen besaßen."