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| 16:31 Uhr

Wandel der Begräbniskultur
Wenn nach dem Tod nichts bleibt

Mathias Rost vom Spremberger Bestattungsinstitut sagt: „Ich fürchte, dass in Zukunft mehr Leute in Einsamkeit sterben werden.“
Mathias Rost vom Spremberger Bestattungsinstitut sagt: „Ich fürchte, dass in Zukunft mehr Leute in Einsamkeit sterben werden.“ FOTO: LR / René Wappler
Spremberg. Behördenmitarbeiter und Bestatter kümmern sich um Verstorbene ohne Angehörige.

Ein Mensch stirbt einsam, ohne Geld für sein Begräbnis zu hinterlassen, ohne einen Hinweis auf Angehörige. Allein im Jahr 2017 ist diese Situation in Spremberg zehn Mal eingetreten. Das berichtet Frank Kulik vom städtischen Fachbereich für Ordnung und Sicherheit. Mitarbeiter der Bestattungsbranche gehen davon aus, dass sich solche Fälle in Zukunft öfter ereignen werden. Denn viele Menschen leben im Alter allein, während es ihre Freunde in andere Regionen Deutschlands verschlagen hat.

Einmal besuchte eine 27-jährige Frau das Bestattungsinstitut in der Spremberger Gartenstraße. Betriebsleiter Mathias Rost erinnert sich: „Sie hatte für ihr Alter erstaunlich genaue Vorstellungen von ihrem Begräbnis.“ Der Gast habe sich bei ihm detailliert nach den Kosten erkundigt, nach den Modellen der Särge und der Organisation einer Beerdigung. „Gerade weil die Frau mitten im Leben stand, wollte sie in dieser Hinsicht nichts dem Zufall überlassen“, sagt Mathias Rost.

Dass sich junge Leute mit der Möglichkeit befassen, sie könnten von einem Tag auf den anderen sterben, ist eher die Ausnahme, wie der Betriebsleiter des Bestattungsinstitutes feststellt. Aus gutem Grund heißt es in vielen Todesanzeigen, der Verstorbene sei „plötzlich und unerwartet“ aus der Welt geschieden. Plötzlich und unerwartet sehen sich manchmal auch die Mitarbeiter der Behörden mit dem Umstand konfrontiert, dass es keine Familie gibt, an die sie sich wenden könnten, und kein Geld für ein Begräbnis.

In den Worten des Spremberger Fachbereichsleiters Frank Kulik heißt das: „Bei Fällen, in denen ein Bestattungspflichtiger nicht ermittelt werden kann, ist die Behörde für eine würdevolle und angemessene Bestattung zuständig.“ An einem fiktiven Beispiel schildert Mathias Rost vom Institut in der Gartenstraße den Verlauf. „Herr Müller stirbt, hat aber nach ersten Erkenntnissen keine Angehörigen mehr“, sagt er. „Dann bleiben zehn Tage Zeit, um zu recherchieren, ob es vielleicht doch noch Verwandte gibt.“ Das sei die Aufgabe des jeweiligen Ordnungsamtes oder gesetzlich festgelegter Betreuer.

Falls sich tatsächlich kein Angehöriger mehr findet, kümmern sich die Mitarbeiter des Ordnungsamtes um einen Bestatter. Dazu erläutert Fachbereichsleiter Frank Kulik: „Das Begräbnis geschieht in solchen Fällen sicher nicht mit dem Aufwand, wie es privat üblich ist.“ Da letztlich die Allgemeinheit die Kosten trage, gelte „der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“, sagt er. Deshalb gebe es auch keine Trauerfeier.

Mathias Rost vom Spremberger Bestattungsinstitut geht davon aus, solche Situationen in Zukunft öfter zu erleben, als es bisher der Fall war. „Ich befürchte, dass mehr Menschen einsam sterben“, sagt er. „Viele Leute gehen keine Bindungen mehr ein, sie bleiben kinderlos, und ihre Renten sind oft auch nicht besonders üppig.“ Allerdings hat er erfahren, dass sich grundsätzlich an der Frage die Geister scheiden, was ein würdevolles Begräbnis ausmacht. „Manchmal höre ich von Besuchern, die Vorkehrungen für ihren Tod treffen wollen, ihnen sei die letzte Zeremonie egal, weil sie es sowieso nicht mehr mitbekommen werden.“ Andere Gäste wünschen sich Musik, Kondolenz und viele Blumen. Oft komme es auch vor, dass jemand sage: Schlicht und einfach solle das Begräbnis sein, denn das spiegele am besten das Leben wider.

Die klassische Trauerzeremonie gilt für den Fachmann vom Bestattungsinstitut als ein wichtiger Teil des Abschiednehmens für die Angehörigen. „Der Tod ist sonst eher ein Thema, über das die Leute nicht so gern sprechen“, sagt Mathias Rost. „Sie versuchen lieber, es von sich zu schieben.“

Allerdings berät er nach eigenen Worten auch viele Besucher, denen eine gute Bestattungsvorsorge am Herzen liegt. So lasse sich in aller Ruhe darüber sprechen, welche Kosten zu erwarten sind und was auf die Familie zukomme.

Zur Tradition des Bestattungsinstitutes gehört es darüber hinaus, dass Schulkinder aus Spremberg eine Theateraufführung im Haus besuchen. So führte das Wunderland-Kindertheater aus Rondeshagen in der Gartenstraße mehrmals das Stück „Mit dem Großvater über die Meere“ auf, eine Geschichte über den Tod eines geliebten Menschen und über die Trauer, die danach bleibt.