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Bedeutung der Kohle schrumpft

Der Tagebau Welzow Süd wird nach Ansicht von Fachleuten auch Jahre nach dem Ende des Braunkohleabbaus noch relevant für den Arbeitsmarkt in der Region bleiben.
Der Tagebau Welzow Süd wird nach Ansicht von Fachleuten auch Jahre nach dem Ende des Braunkohleabbaus noch relevant für den Arbeitsmarkt in der Region bleiben. FOTO: Jens Kalaene/dpa
Spremberg. Die Braunkohleindustrie besitzt inzwischen fast nur noch regionalwirtschaftliche Bedeutung: Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Instituts für angewandte Ökologie und des Projekts Agora Energiewende, die im Mai in Berlin vorgestellt wurde. Die Fachleute widmen sich in ihrer Analyse auch der Situation in der Lausitz. René Wappler

Zwar erreichte demnach Welzow-Süd mit 18,2 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr 2015 den höchsten Förderwert aller vier Tagebaue in der Lausitz. Im geplanten Tagebau Welzow-Süd II befinden sich darüber hinaus ungefähr 200 Millionen Tonnen Braunkohle. Trotzdem schätzen die Fachleute die gesamtwirtschaftliche Relevanz dieses Industriezweiges in Deutschland als "eher gering" ein: In ihm arbeiten mittlerweile nur noch 0,045 Prozent der insgesamt Beschäftigten. Dies entspricht ungefähr einer von 2200 Personen.

Allerdings profitiert die Lausitz nach wie vor direkt von dieser Branche. Jeder Arbeitsplatz in der Braunkohlewirtschaft zieht nach Einschätzung der Studie in der jeweiligen Region einen weiteren Job nach sich. Dieser indirekte Effekt ist für Kraftwerke doppelt so hoch wie für Tagebaue. Auch die Aufgaben nach dem Ende der Kohleindustrie bergen demnach ein erhebliches Arbeitsplätze-Potenzial, das über ein Jahrzehnt oder gar länger reicht.

Schon im Januar 2016 hatte eine umfassende Analyse des Projekts Agora Energiewende von weiteren Tagebauen abgeraten: Da der jährliche Braunkohlebedarf in der Lausitz von 61 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2030 auf 23 Millionen Tonnen sinken werde, sei es sinnvoll, auf den Neuaufschluss des Tagebaus Welzow-Süd II und die Umsiedlung der betroffenen Einwohner zu verzichten. Die bereits erschlossene Braunkohlemenge reiche aus, um den Bedarf bis zum Jahr 2040 vollständig zu decken. Laut der Beispielrechnung könnten die Tagebaue Welzow-Süd und Reichwalde im Jahr 2035 stillgelegt werden. Dabei brauche die Lausitz jedoch eine "dauerhafte finanzielle Absicherung", geben die Autoren der Analyse zu bedenken.

Mit der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) hat sich der Spremberger Wirtschaftsförderer ASG bereits auf eine Kooperation verständigt, die über den reinen Bergbaubetrieb hinausreicht. Wie ASG-Geschäftsführerin Petra Lehmann erläutert, geht es dabei um das Vermarkten von Flächen und das Ansprechen potenzieller Investoren. Außerdem kündigt sie eine Zusammenarbeit mit dem Industriepark in Breslau an, "um weitere Absatzmärkte zu schaffen".

Darüber hinaus soll der Partnerschaftsvertrag der Stadt Spremberg mit dem polnischen Szprotawa um wirtschaftliche Aspekte erweitert werden: Darauf weist Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) hin. Zugleich drängt sie darauf, dass die Region in der Zeit des Wandels Hilfe von der Bundesregierung erhält. "Die Menschen hier haben nicht nur über Jahrzehnte, sondern länger als ein Jahrhundert dafür gesorgt, dass andere Gegenden Licht und eine warme Bude haben", sagt sie mit Blick auf die Braunkohleindustrie. "Deshalb erwarten wir nun ebenfalls Unterstützung."

Die Fachleute der Agora Energiewende schlagen unterdessen vor, die Folgekosten der Braunkohletagebaue mit Hilfe einer Stiftung zu finanzieren: Die Mittel könnten demnach aus einer Abgabe auf jede Tonne Braunkohle bestehen, die bis zum Jahr 2040 gefördert wird. Daneben plädieren die Autoren der Studie für einen Fonds im Bundeshaushalt, der die Braunkohleregionen begleitet und jährlich 250 Millionen Euro erhält. Je nach der Zahl der betroffenen Arbeitsplätze könne das Geld auf die Reviere aufgeteilt werden, unter Regie der jeweiligen Landesregierungen.

Zum Thema:
Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation. Die Arbeit der Fachleute konzentriert sich nach eigenen Angaben auf den Stromsektor in Deutschland - auf Basis der gesetzlichen Ziele der Energiewende. Demnach erfolgt der Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 und der Anstieg des Anteils erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis zum Jahr 2050 auf mindestens 80 Prozent. Falls dies funktioniere, könne davon "weltweit eine große Schubkraft ausgehen", heißt es in einer Agora-Stellungnahme.