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| 16:46 Uhr

Folgen des Bergbaus
Baustelle reicht in 100 Meter Tiefe

Torsten Jank, André Brämer und Uwe Pohl arbeiten an den Bohrungen. Die Baustelle an der Berliner Straße bleibt noch mindestens bis Mittwoch bestehen.
Torsten Jank, André Brämer und Uwe Pohl arbeiten an den Bohrungen. Die Baustelle an der Berliner Straße bleibt noch mindestens bis Mittwoch bestehen. FOTO: LR / René Wappler
Spremberg. Im Spremberger Ortsteil Cantdorf entstehen drei Stellen zum Messen des Grundwasser-Pegels.

Schwere Maschinen arbeiten an der Berliner Straße in Spremberg. Fachleute einer Firma aus Lübbenau errichten im Ortsteil Cantdorf drei Messstellen, die künftig die Höhe des Grundwassers bestimmen sollen. Den Auftrag dazu hat nach ihren Angaben die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) erteilt. Der erwartete Anstieg des Grundwassers nach dem Ende des Tagebaus in der Region beschäftigt die Einwohner von Spremberg schon jetzt.

Ein Zaun umgibt die Baustelle an der alten Feuerwehr in Cantdorf. Direkt an der Hauptstraße haben die Arbeiter Rohre aufgeschichtet. Der Bohr- und Brunnenbau Papitz kümmert sich um die Arbeiten. Spezialisiert hat er sich nach eigenen Angaben auf den Bau von Brunnen bis zu einer maximalen Tiefe von 250 Metern. Ganz so tief werden die Messstellen für das Grundwasser in Cantdorf nicht in die Erde reichen, wie Torsten Jank berichtet. Er nimmt gemeinsam mit seinen Kollegen die ökologische Bohrung an diesem Ort vor. Die tiefste Stelle wird 100 Meter unter dem Erdboden liegen, die zweite 38 Meter, die dritte 24 Meter. So sieht es der Plan vor. Am Montag bohrten die Fachleute die zweite Messstelle im Norden von Spremberg. „Bis zur Mitte der Woche haben wir auf alle Fälle hier zu tun“, sagt Torsten Jank. „Danach ziehen wir weiter nach Nochten.“

Bei einer Gesprächsrunde der RUNDSCHAU im Frühjahr erklärte Dr. Stephan Fisch von der Leag das grundsätzliche Problem: „Wenn wir einen Tagebau betreiben und Kohle abbauen, müssen wir das Grundwasser absenken.“ Sobald der Tagebau ausgekohlt sei, steige das Grundwasser in der jeweiligen Region wieder an. Die Frage, wohin das Grundwasser fließt, sei jedoch von vielen Faktoren abhängig. „Grundwasser bewegt sich im Durchschnitt einen Meter am Tag“,  sagte der Leag-Fachmann.

In einer Publikation des Landesumweltamtes heißt es dazu: Die nach dem Bergbau verbleibenden Restlöcher füllen sich eigenständig mit Grundwasser. „Dieser Vorgang wird auch als Eigenflutung bezeichnet“, erläutern die Autoren des Berichts, der sich mit den Tagebauseen befasst.

Für den Ortsvorsteher von Cantdorf, René Nakoinz, besitzen die neuen Messstellen an der Berliner Straße einen praktischen Nutzen. „Wir behandeln den Anstieg des Grundwassers ja auch in dieser Woche im Ortsbeirat“, erläutert er. „Schon jetzt müssen wir uns mit der Frage befassen, wie wir die Gräben in Cantdorf wieder in Ordnung bringen, damit wir für die Zeit nach dem Tagebau gewappnet sind.“

Chefingenieur Hans-Jürgen Kochan von der Lausitzer Umweltgesellschaft betreut eine Studie, die das Grabensystem in Cantdorf genauer untersucht. Der Auftrag dafür stammte vom Gewässerverband Spree-Neiße. Laut dieser Studie erfüllten die zahlreichen Binnengräben einst wichtige Funktionen. Sie führten das Wasser ab, das sich bei starkem Regen sammelte. Gepflegt von den Eigentümern dienten sie dem Entwässern der landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Mit dem Bergbau sank das Grundwasser, woraufhin „die natürlichen hydrologischen Verhältnisse nachhaltig gestört“ wurden, wie es in der Arbeit der Lausitzer Umweltgesellschaft heißt. „Ein großer Teil der Binnengräben und Stichgräben verschwand oder wurde teilweise überbaut.“ Die Folge zeige sich bei starkem Regen. Dann fließe ein Teil des Wassers die Straßen entlang, über die Grundstücke bis in die noch rudimentär vorhandene Vorflut.

Zu „regelrechten Schlammlawinen“ kam es laut der Studie in den vergangenen Jahren am Wiesengraben in Cantdorf. Ebenso wie die Binnengräben lässt er sich über weite Strecken kaum noch identifizieren. Vom Graben an der ehemaligen Bahn existiert nur noch eine Mulde, wie Chefingenieur Hans-Jürgen Kochan feststellt. Sein Fazit lautet: Die Gräben könnten „im vorgefundenen Zustand eine ordnungsgemäße Entwässerungsfunktion weder der landwirtschaftlichen Flächen noch der Grundstücke oder der Straßen“ erfüllen. Das Vorflutsystem sei streckenweise unterbrochen, teilweise zugeschüttet oder verwachsen und generell, wo noch vorhanden, zu rekonstruieren.

Die geschätzten Kosten für die Reparatur der Gräben in Cantdorf belaufen sich insgesamt auf eine Summe von 616 682 Euro. „Die Starkregenereignisse häuften sich in den vergangenen Jahren immer mehr“, sagt der Chefingenieur der Lausitzer Umweltgesellschaft. „Wir gehen davon aus, dass dies auch eine Folge des Klimawandels ist.“ Deshalb sei auch für die Zukunft zu befürchten, dass dieses Problem öfter auftritt. „Die Vorflutgräben müssen in der Lage sein, das Wasser schadlos abzuführen“, erklärt Hans-Jürgen Kochan.