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Bauernhof statt Altenheim

Gerd Willinger füttert die Hühner auf dem Hof. Den baute er fürs Wohnen im Alter um.
Gerd Willinger füttert die Hühner auf dem Hof. Den baute er fürs Wohnen im Alter um. FOTO: Rene Wappler
Spremberg/Bluno. Mit einem Treppenlift begibt sich die 89-jährige Gertrud Müller nach unten ins Erdgeschoss, wo die Damen in der Küche gemeinsam einen Eierlikör trinken. An der Wand hängt ein Schild: "Was ich noch mehr liebe als mein Zuhause, sind die Menschen, mit denen ich es teile." René Wappler

Das Zuhause. Erst wollte Gertrud Müller nicht von dort weg. Doch inzwischen gefalle es ihr gut in ihrer neuen Heimat, dem früheren Bauernhof in Bluno, sagt sie. "Alle nehmen hier aufeinander Rücksicht, und unser Chef hält uns auf Trab: Er passt auf, dass wir keine Langeweile haben."

Als ihren Chef bezeichnet sie Gerd Williger. Das trifft es aber nicht ganz: Er arbeitete einst als Betreuungskraft für Demenzkranke in einem Pflegeheim. Und noch immer erinnert er sich daran, dass er abends auf der Heimfahrt regelmäßig in Tränen ausbrach. "Was ich da erlebte, war kaum zum Aushalten, aber es ließ mich zugleich nicht mehr los." So setzte er seinen eigenen Plan in die Tat um: Nach und nach baute er den alten Hof in Bluno aus, bis innerhalb von fünf Jahren sieben Wohnungen für Senioren entstanden.

Betreutes Wohnen auf dem Dorf, wie in einer großen Familie, mit Pflegern, die sich bei Bedarf von morgens bis abends um die Senioren kümmern: Dieses Lebensmodell wünschen sich viele Rentner. Deshalb fordert auch das Spremberger Konzept zur Barrierefreiheit: Älteren Menschen müsse "lange ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden".

Dabei nutzt im bundesdeutschen Durchschnitt bislang nur einer von 1000 Senioren neuere alternative Formen wie gemeinschaftliches Wohnen oder ambulant betreute Pflegewohngruppen. Das geht aus einer Studie des Instituts für Bauforschung unter dem Titel "Demografische Entwicklung und Wohnen im Alter" hervor, die darüber hinaus eine Prognose wagt: "Es deutet sich an, dass gemeinschaftliche Wohnformen im Alter eine steigende Tendenz aufweisen werden."

Auch Sabine Baumgarten von der Gesellschaft für Altenpflege in Spremberg sieht Grundstücke wie den umgebauten Bauernhof in Bluno als ein Modell dafür, wie Senioren in Zukunft leben werden. Im Jahr 2015 kam Gerd Williger mit der Frage auf Sabine Baumgarten zu, ob ihr Team die Rentner betreuen könne. Sie sagte zu.

Zu ihrem Team zählt Gesine Kindt. "Mal bereiten die Bewohner gemeinsam einen Salat oder ein Mittagessen zu, dann wieder unternehmen sie etwas draußen", erläutert sie. "Wir unterstützen sie bei allen Problemen, die so im Alltag auftreten können."

Die Bewohner des Bauernhofes gehen davon aus, dass es sich um ihren letzten Wohnort handeln wird. Draußen streunt der siebenjährige Kater Cash umher, unbeeindruckt von den Hühnern, die nebenan im Sand picken. Unter dem Vordach liest die 87-jährige Ruth Radtke in einer Zeitung. "Ich lebe gern hier", sagt sie. "Ringsum die viele Natur, da lässt es sich gut Spazierengehen."

Selbstbestimmt sollten einst auch Senioren im Bloischdorfer Herrenhaus wohnen: Das sah zumindest der Plan des Vereins zur Entwicklung und Förderung ländlicher sozialer Dienste vor knapp zehn Jahren vor. Doch diese Idee verschwand wieder in der Schublade.

Zum Thema:
Zum Tag der offenen Tür lädt der Bauernhof in der Dorfaue 48 in Bluno am Sonnabend, 26. August, um 10 Uhr ein. Ab 15 Uhr folgt ein gemeinsames Sommerfest mit der M.E.D. Gesellschaft für Altenpflege, deren Spremberger Stützpunkt im Oktober bereits 25 Jahre besteht.