ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:59 Uhr

Demografischer Wandel
Arbeitsmarkt gibt Rätsel auf

Spremberg. Fachleute erkunden, warum in Spremberg gegen den Trend die Zahl der Arbeitslosen steigt.

Es wirkt rätselhaft. Da berichten Firmenchefs, dass ein Kampf um Fachkräfte ausgebrochen ist. Da werben Spremberger Vereine und das Stadtoberhaupt Christine Herntier (parteilos) um Rückkehrer, für die sie beim Heimatfest sogar einen Empfang im Bürgergarten ausrichten. Zugleich meldet die Agentur für Arbeit mit Sitz in Cottbus jedoch seit zwei Monaten eine steigende Zahl von Arbeitslosen in Spremberg, und das, während sie in anderen Städten des Südens von Brandenburg sinkt. Experten gehen nun der Frage nach, woran das liegen könnte.

Als Geschäftsführerin des Agenturbezirks arbeitet Marion Richter bei der Agentur für Arbeit. Sie sagt: „Uns verwundert es ebenfalls, dass Spremberg auf einmal aus dem allgemeinen Trend ausschert.“ Denn in Spremberg wuchs die Zahl der Arbeitslosen im Juli gegenüber dem gleichen Monat des Jahres 2017 um 5,6 Prozent. Nur in Forst zeigt sich den Statistikern ein ähnliches Bild. Alle anderen Städte im Süden des Landes Brandenburg verzeichnen einen Rückgang. Damit liegt die Arbeitslosenquote in Spremberg derzeit bei 6,7 Prozent, in Forst bei 9,9 Prozent, in Guben bei 9,4 Prozent.

Zwar bietet Spremberg damit immer noch bessere Bedingungen als andere Orte im Spree-Neiße-Kreis. Doch Fachleuten lässt die aktuelle Tendenz keine Ruhe. So erklärt Marion Richter von der Agentur für Arbeit: „Schon im Juni ist uns aufgefallen, dass Spremberg gewissermaßen ausschert.“

Also beleuchteten die Experten der Agentur die jüngsten Daten näher. 67 Arbeitslose mehr als im Juli 2017 verzeichnet ihre Statistik für Spremberg. Unter ihnen stechen zwei Personengruppen heraus. Zum einen handelt es sich um jüngere Menschen unter 25 Jahren, allerdings „in kleinerem Rahmen“, wie Marion Richter feststellt. Der größere Anteil, 49 der 67 hinzugekommenen Arbeitslosen, entstammt wiederum der Gruppe ab 50 Jahren, was sich mit steigendem Alter weiter zuspitzt.

Für die Geschäftsführerin des Agenturbezirks bedeutet das: „Es werden Personen entlassen, die kurz vor der Rente stehen.“ Sie hält es für verwunderlich, „dass Firmen, die Personal suchen, ältere Mitarbeiter freisetzen“. Dabei haben nach ihren Worten im südbrandenburgischen Maßstab, über Spremberg hinaus, gerade diese Leute bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, als es  noch vor zehn oder 20 Jahren der Fall war.

Dies gilt allgemein für die gesamte Republik, wie das Bundesamt für Statistik in seinem aktuellen Jahrbuch meldet. „Unsere Gesellschaft altert“, schreiben die Autoren. „Zum einen nimmt die Lebenserwartung des Einzelnen zu, zum anderen stagniert die Geburtenrate.“ Dieser Prozess verändere die Arbeitswelt. 48 Prozent der 55- bis unter 65-Jährigen gingen nach Angaben des Bundesamtes im Jahr 2006 einer Erwerbstätigkeit nach. Im Jahr 2016 seien es bereits mehr als zwei Drittel dieser Altersgruppe gewesen.

So sagt Marion Richter von der Agentur für Arbeit: „Es ist grundsätzlich nicht mehr eine Frage des Alters, sondern eine Frage des Wollens, ob jemand einen Job findet.“ Über die neue Tendenz, die sich unterdessen in Spremberg abzeichnet, wollen die Mitarbeiter der Agentur mit Unternehmern aus der Region sprechen. Sie hoffen, so der Diskrepanz auf die Schliche zu kommen.

Vor einem Rätsel steht auch der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Cottbus, Maik Bethke. „Anfangs dachte ich, es könne sich beim gegenläufigen Trend in Spremberg um die erste kleine Welle in Richtung Altersteilzeit aus dem Bergbau handeln“, sagt er. „Doch diese Vermutung hat sich nicht bestätigt.“ Deshalb lasse sich der Widerspruch in der Statistik „nicht so einfach auflösen“, gibt Bethke zu bedenken. „Die Erfahrungen älterer Leute werden ja gebraucht“, erklärt er. „Inzwischen wollen die meisten Unternehmen sie so lange wie möglich halten, weil sie kaum Fachkräfte finden.“