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| 16:44 Uhr

Aus dem Alltag einer Rettungsschwimmerin
Bei ihr fühlen sich Badegäste sicher

Seit fast vier Jahrzehnten gilt Andrea Lehmann offiziell als Rettungsschwimmerin. Im Welzower Freibad arbeitet sie für das Deutsche Rote Kreuz.
Seit fast vier Jahrzehnten gilt Andrea Lehmann offiziell als Rettungsschwimmerin. Im Welzower Freibad arbeitet sie für das Deutsche Rote Kreuz. FOTO: LR / René Wappler
Welzow. Andrea Lehmann arbeitet, wo andere Leute ihre Freizeit verbringen: im Welzower Schwimmbad. Von Rene Wappler

Von der Terrasse der Gaststätte ruft ein Mädchen: „Frau Lehmann, haben Sie ein Problem damit, wenn wir am Freitag nachts baden gehen?“

Eben hat Rettungsschwimmerin Andrea Lehmann einen Rasensprenger neu ausgerichtet. Nun schaut sie hoch und antwortet: „Ja, damit habe ich ein Problem.“

Das Mädchen lässt nicht locker. „Wir bauen auch keinen Mist.“

Andrea Lehmann bleibt hart. „Trotzdem.“

An diesem Dienstagmorgen hat sie die Aufsicht über eine Gruppe von Schulkindern. Seit dem 1. Januar 1979 gilt Andrea Lehmann offiziell als Rettungsschwimmerin. Damals lebte sie im alten Haidemühl. In Welzow-Süd lernte sie den Beruf der Maschinistin für Tagebaugroßgeräte, dann arbeitete sie auf dem Bagger, wechselte später in die Brikettfabrik und kümmerte sich im Sommer um die Sicherheit der Badegäste im Welzower Freibad. Sie erinnert sich noch an den Zehn-Meter-Turm, an die Brücke, an die Startklötzer, an das große Becken mit der 50-Meter-Bahn.

Bald nach dem Ende der DDR schrumpfte auch das Freibad. So  wie die ganze Stadt Welzow, aus der die Menschen in die weite Welt zogen, um woanders ihr Glück zu suchen.

Die Rettungsschwimmerin blieb. Mit einem Kollegen teilt sie sich die Dienste ein. Sie arbeitet an jedem zweiten Wochenende, nimmt dann dafür donnerstags und freitags frei. Den Winter überbrückt sie mit einem Job in einem Verlag.

Ständig läuft sie im Freibad umher. Mal stellt sie hier einen Rasensprenger neu auf, mal überprüft sie im Raum mit der Filteranlage den Chlorgehalt des Wassers.

Zum Glück musste sie noch nie einen Badenden retten. Die meisten Gäste benehmen sich anständig, die Wassertiefe beträgt 1,20 Meter bis 1,35 Meter, das Risiko erscheint überschaubar. Trotzdem bleibt eine Ermahnung mitunter nicht aus. Wenn junge Leute im Übermut über den Rand der Rutsche ins Wasser springen, erteilt Andrea Lehmann schon mal ein Badeverbot.

Immer wieder klingelt ihr Telefon. Eine Familie will ihren Sohn für den Schwimmunterricht bei Andrea Lehmann anmelden. „Meine Schwimmkurse sind eigentlich voll“, erwidert sie. „Vom 13. August an? Bloß vier Tage? Ja. Können wir mal gucken, was rauskommt.“

Die Rettungsschwimmerin sieht es nicht so gern, wenn Eltern versuchen, ihren Kindern das Schwimmen auf eigene Faust beizubringen. Sie glaubt an feste Regeln, die viele Väter und Mütter vernachlässigen. Zum Beispiel diese: Die Beine sind der Motor, die Arme der Hilfsmotor, nicht umgekehrt. Wer den Kniff raus hat, erlangt mit einer kräftigen Beinbewegung einen solchen Schub, dass er die Arme kaum noch einsetzen muss. Deshalb lernen die Kinder in ihrem Unterricht fünf Tage lang nichts als Beinarbeit. Die Arme folgen dann fast von selbst, wie Andrea Lehmann berichtet.

Vielleicht hätte die Rettungsschwimmerin auch in eine größere Stadt wie München ziehen können, wo mitunter Leute ihres Fachs gesucht werden. Schließlich erlebte sie, was in ihrer Heimat über die Jahrzehnte verloren ging. Das Welzower Kino verschwand. Im City-Hotel gab es eine Diskothek. Ebenfalls lange her. Doch in Welzow, bei ihrer Familie und im Schwimmbad, fühlt sich Andrea Lehmann zu Hause.

Kurz vor der Mittagspause erscheint die Meldung eines Nachrichtenmagazins auf dem Bildschirm ihres Telefons. „Trotz WM-Debakel: Joachim Löw bleibt Nationaltrainer.“

Viele Leute würden nun lange über das Für und Wider dieser Entscheidung debattieren. Die Mitarbeiterin des Welzower Freibades interessiert sich mehr für andere Sportarten. Schwimmen, natürlich, aber auch Snooker oder Dart und Biathlon.

Sie spielte einst in der Welzower Handballmannschaft mit, die sich inzwischen aufgelöst hat. Das Freibad hingegen überstand die Jahrzehnte. Wie der Sommer, der immer wieder zurückkehrt.

Ein Junge springt ins Becken, und das Wasser spritzt in alle Richtungen.

Er schreit: „Attacke!“