ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:51 Uhr

Als Vater unter Zwang in die LPG musste

Sellessen. Rund 50 ehemalige Wolkenberger haben ihre fünfte Kirmes seit Abbaggerung ihres Dorfes gefeiert. Es gab die Freude über das Wiedersehen bekannter Gesichter, den obligatorischen Gänsebraten und Erinnerungen ans alte Dorf. Torsten Richter / trt1

Helmut Mattke, 72, berichtete von seinem Vater Ernst, der 60 Jahre lang als Küster in Wolkenberg tätig war. "Hauptberuflich arbeitete er als Landwirt. Er liebte die Freiheit und wollte sich partout nicht in die LPG zwingen lassen", erinnert er sich. Und weiter: "Eines Tages wurde Vater von mehreren Leuten im Wald überrascht. Sie sagten zu ihm, dass er, sollte der Aufnahmeantrag nicht unterschrieben werden, mit Senge rechnen müsse." In all den Jahrzehnten der DDR habe Ernst Mattke nie den Traum an die deutsche Einheit aufgegeben. "Leider verstarb er 1987, drei Jahre vor der Vereinigung. Wenigstens musste Vater den Abriss des Dorfes nicht miterleben", sagt Sohn Helmut.

Manfred Willnow durfte in Wolkenberg nur zwölf Jahre wohnen. Der heutige Chef der gleichnamigen Spremberger Trockenbau-Firma hatte ins Dorf eingeheiratet. "Ich lebte mit meiner Familie in der Rosengasse. Dort besaßen wir eine kleinbäuerliche Wirtschaft, die mühevoll ausgebaut worden war." Kurz vor der Wende war der Traum ausgeträumt. Der fortschreitende Tagebau Welzow-Süd zwang die Willnows zum Umzug nach Welzow. Heute leben sie in Spremberg. "Wäre die Wende fünf Jahre früher gekommen, wäre Wolkenberg zwar auch nicht zu retten gewesen, aber wir hätten eine angemessene Entschädigung erhalten", resümiert der 57-Jährige. Die benachbarten Kauscher, die nach den Wolkenbergern an der Reihe waren, erhielten zumindest eine angemessene Wiedergutmachung nach bundesdeutschen Recht. Manfred Willnow ist gebürtiger Kauscher.

Knapp drei Kilometer von Wolkenberg entfernt befand sich der Ausbau Gribona. Eines der insgesamt fünf Gehöfte war die Heimat der Familie Cewe. "Meine Eltern waren Umsiedler. Sie bezogen dort ein Neubauernhaus", erzählt Karl-Heinz Cewe, der heute in Welzow lebt. "Mein Vater war ein Kämpfer. Der hat nichts unterschrieben, wenn es um die Abbaggerung ging." Allerdings sei er viel zu früh verstorben.

Laut Karl-Heinz Cewe bestand Gribona ursprünglich aus lediglich zwei Anwesen. Die anderen drei wurden erst durch Neubauern errichtet. "Es war ein schweres Leben. Die Böden gaben nicht viel her. Viel wuchs deshalb dort nicht." Karl-Heinz Cewe verschlug es selbst in den Bergbau. Er war jahrelang als Maschinist für Brikettierung tätig. Heute betreibt der 58-Jährige eine kleine Pension in der Stadt am Tagebau.

Der Aussichtspunkt, am 7. Juli 2012 in der Bergbaufolgelandschaft bei einem kräftigen Gewitterguss eingeweiht, wird gut angenommen. "Das Schöne daran ist, dass die Rekultivierer unsere Vorstellungen weitestgehend auch so umgesetzt haben", lobt Helmut Mattke. Eventuell werde es 2014 wieder ein "Bergtreffen" geben. Dann wolle er allen Interessenten zeigen, wo einst die Wolkenberger Schule stand. "Nämlich genau dort, wo jetzt der Wein wächst", sagt Mattke schmunzelnd.