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| 02:39 Uhr

Als der Direktor im Zimmer fror

Die Sparkasse in der ehemaligen Berlin-Gubener Hutfabrik in der Uferstraße. Dort arbeitete Erfurth als Direktor.
Die Sparkasse in der ehemaligen Berlin-Gubener Hutfabrik in der Uferstraße. Dort arbeitete Erfurth als Direktor. FOTO: FOTO Werner/Sammlung Gunia/rww1
Guben/Cottbus. 27 Jahre alt war Günter Erfurth, als er Mitte der 1950er-Jahre seinen Dienst als Sparkassendirektor antrat. Damals war Guben für den heute 89-Jährigen ein Niemandsland, sagt Erfurth, wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg. Daniel Schauff

Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und auch Armut herrschten im neuen, kleineren Guben, vom polnischen Nachbarn Gubin seit Kriegsende durch die Neiße getrennt. Ein "düsteres Loch" war es, in dem Erfurth in seinen ersten Tagen als Bankdirektor wohnen musste. Im Erdgeschoss war eine Gaststätte, erzählt er. Licht gab es im Zimmer so gut wie keins, ebenso keine Heizung. Wenn Erfurth sich morgens waschen wollte, musste er im strengen Winter zuerst die Eisschicht auf der Wasserkanne durchstoßen, bevor er seine Waschschüssel befüllen konnte. Zum Rasieren und Frühstücken ging Erfurth in die Sparkasse, untergebracht im heutigen Plastinarium. "So lebte damals ein Sparkassendirektor", sagt der 89-Jährige. Hin und wieder habe er gezweifelt, ob er seine Funktion in Guben nicht doch aufgeben wolle, sagt er. Bis er in eine neue Bleibe ziehen konnte.

Die hatte er mit der Hilfe seiner Sparkassenkollegen gefunden - zu Beginn seiner Zeit in Guben 1956 noch allesamt Fremde, wenig später aber gute Kollegen, erinnert sich Erfurth. Sie hatten keine Probleme mit dem neuen, jungen Chef aus Klein-Priebus in ehemaligen Kreis Weißwasser, obwohl gleich zwei ihm unterstellte Abteilungsleiter sogar älter waren als der Direktor. Nur bei den Gubenern musste sich Erfurth den Respekt erkämpfen, erzählt er. "Kommen Sie aus Guben?", sei eine Standard-Frage gewesen. 19 Jahre lang blieb Erfurth an der Neiße und in der Sparkasse. Am Ende, sagt er, hatte er den Respekt der Kunden, vom einfachen Arbeiter bis zu Mitgliedern der "höheren Kreise".

Auch die widrigen Bedingungen, die in der provisorischen Sparkasse in der Uferstraße herrschten, kann Erfurth noch genau beschreiben: kaum Privatsphäre für die Kunden in einer riesigen Schalterhalle, eine instabile Heizung und gerade einmal drei Telefone, die an die Anlage des Kreisrates angeschlossen waren. Der saß ein Stockwerk über der Sparkasse. Ach ja, die Toilette - auch an die erinnert sich Erfurth. Eine gab es für alle Mitarbeiter - auf dem Hof.

Trotzdem bleibt Erfurth, heute Cottbuser, voll des Lobes für seine Jahre in Guben. Vor allem seine Mitarbeiter haben ihn nachhaltig beeindruckt. Arbeit ging vor, sagt Erfurth, aber es sei auch gefeiert worden. Ausflüge gab's in den Spreewald, ins Zittauer Gebirge, gefeiert wurde in Gubener Gaststätten und anlässlich des Frauentags. Ein beispielhafter Zusammenhalt, urteilt Erfurth heute.

Hin und wieder nimmt er an den Treffen der alten Sparkassenmitarbeiter in Guben teil und fühle sich stets freudig aufgenommen, sagt er. Guben hatte für ihn einen hohen Stellenwert, auch wenn die Zeit dort nur eine Episode war in seiner 50-jährigen Sparkassen-Lebensgeschichte.

Zum Thema:
"Die Geschichte der Deutschen Sparkassen und der Kreissparkasse Guben" heißt ein knapp 70-seitiges Buch, in dem Günter Erfurth seine Erlebnisse aus 50 Jahren im Dienste der Sparkassen niedergeschrieben hat. Vier politische Systeme hat er in der Zeit miterlebt und in seinem Buch beschreibt er, vor welchen Herausforderungen nicht nur, aber vor allem die Gubener Sparkasse nach Kriegsende stand. Laut Erfurth waren die Gubener Sparkassen die einzigen entlang der Neiße, die nach 1945 auf polnischer Seite standen.Sein Buch hat Erfurth der Stadt Guben gewidmet und will auch in der Neißestadt daraus lesen. Das Brigadebuch aus der Zeit in Guben ist verschollen, sagt er. Sonst hätte Erfurth es gern dem Museum oder der Sparkasse übergeben.