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| 17:51 Uhr

Spremberg
Sie geben mindestens eine Chance

Wieder bereit zur Räuberleiter: Karina Kluge, Sabine Rackel, Bärbel Balazs, Arwed Obst, Hans-Joachim Petrick, Klaus-Dieter Gemeinhardt und Annett Selke.
Wieder bereit zur Räuberleiter: Karina Kluge, Sabine Rackel, Bärbel Balazs, Arwed Obst, Hans-Joachim Petrick, Klaus-Dieter Gemeinhardt und Annett Selke. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Mit der Aktion „Räuberleiter“ haben Spremberger rund 25 Jugendlichen ins Leben geholfen. Als Dank erhalten sie manchmal ein lachendes Smiley. Von Annett Igel-Allzeit

Ein Zeitungsausschnitt wandert über den Tisch. Auf dem Foto steht Bärbel Balázs mit  ihren Schützlingen am Tennisnetz. Das Bild ist vor wenigen Tagen nach dem Turnier zum Schuljahresabschluss entstanden. „Mehrere Leute aus meinem Dorf haben mich angesprochen, was ich denn da mache“, erzählt Bärbel Balázs. Sie weiß, dass mancher in ihrem Dorf auch Lust auf eine Aufgabe mit jungen Leuten hätte. „Aber die Zeit fehlt vielen, sie stehen meist noch mitten im Berufsleben.“

Und es kostet Kraft. Enttäuschungen sind wegzustecken, ein Neuanfang muss gewagt werden. Das Projekt, das in Spremberg die ASG als Wirtschaftsförderer gemeinsam mit der Freiwilligenagentur der Volkssolidarität für Schüler der Berufsorientierenden Oberschule (BOS) verwirklicht, gibt es seit 2013. In anderen Städten, wie zum Beispiel in Cottbus, haben sich diese Mentorengruppen bereits wieder aufgelöst. Bewährt hat sich in Spremberg, dass sie mit der Diplompsychologin Karina Kluge einen Coach und mit Arwed Obst von der ASG einen Koordinator haben. Karina Kluge kann querdenken und Arwed Obst Ruhe bewahren.

Die ehenamtlichen Mentoren sind oft Rentner oder Arbeitnehmer im letzten Drittel ihres Arbeitslebens, deren eigene Kinder schon flügge sind. Sie helfen Neunt- und Zehntklässern, ihren Weg in den Beruf zu finden. Aus verschiedenen Gründen schaffen das manche Jugendlichen nicht – Probleme mit den Eltern, schlechte Schulnoten, keine Lust, jeden Tag die Schule zu besuchen, oder es nimmt sie einfach niemand ernst.

Fünf aktive Mentoren sind sie derzeit. „Ideal ist“, so Arwed Obst, „wenn ein Mentor sich um einen Schüler kümmert. Aber weil der Bedarf höher ist, übernehmen einigen Mentoren auch zwei Schüler.“

Klaus-Dieter Gemeinhardt zum Beispiel. Er ist ist gerade so glücklich mit seinen zwei Schützlingen, dass er sie ihre Ferien genießen lässt. Das Mädchen hat im Praktikum technisches Geschick bewiesen und eine Lehre in einer Tischlerei in Aussicht, der Junge hat seinen Berufswunsch noch einmal geändert. „Ich hatte auch noch keine wirklich schwierigen Kinder. Sie vermaulen sich nicht“, räumt Klaus-Dieter Gemeinhardt ein. Doch was ihn am meisten überrascht: „Meine Familie sagt, dass diese Aufgabe auch mich sehr verändert hat.“

Die BOS sucht zum Beginn jedes Schuljahres Jungen und Mädchen aus, für die die „Räuberleiter“ eine Chance wäre. Wie bei einem lockeren Singles-Treff, dem Speed-Dating, bekommen Mentor und Schüler fünf Minuten Zeit, sich kurz kennen zu lernen. Dann wechseln die Schüler für fünf Minuten zum nächsten Mentor. Hans-Joachim Petrick: „Dabei verrate ich den Schülern noch gar nicht so viel. Dass ich einen Hund habe, erzählt ich zum Beispiel.“ Nach diesen ersten Eindrücken übernehmen die Schüler erstmals in diesem Projekt Verantwortung: Sie müssen sich untereinander einigen, wer welchen Mentor wählt.

Bärbel Balász ist nicht nur mit Leib und Seele Räuberleiter-Mutter, sie ist das auch mit Familienanhang. Karina Kluge und die anderen Mentoren müssen sie gelegentlich bremsen. Aber dass es Eltern gibt, die nichts gegen einen leeren Kühlschrank zu Hause tun können, lässt Bärbel Balász keine Ruhe. Karina Kluge nickt: „Du guckst hinter Türen, hinter die du nie geguckt hättest.“ „Aber“, so Bärbel Balász, „ich bin glücklich mit dieser Aufgabe.“

Annett Selke, mit 50 Lenzen derzeit die jüngste Mentorin auf Sprembergs Räuberleiter, hat ihren Schützling gerade an die Hauptstadt Berlin verloren. Sie wisse nicht, ob er sich noch einmal meldet, ob das mit der Lehre dort wirklich klappt. Sabine Rackel hat auch dieses Mütterliche. Doch ihr erstes Räuberleiter-Jahr war schwierig. Ein Schützling muss den Kontakt auch wollen. Sie will nicht drängen. Aber wann muss man loslassen?  Hat man sich genug bemüht? Genau an diesem Punkt helfen die regelmäßigen Mentoren-Treffen, ihre Ausflüge, eine Schulungswoche. Da gibt es Tipps, Ermutigung, ein Streicheln. Und den Wunsch, dass Sabine Rackel im nächsten Jahr „gleich wieder ein Kind bekommt“.

Mentor im Räuberleiter-Projekt  ist ein Ehrenamt, in dem man auch mit 66 Jahren noch wachsen kann. Mentoren werden immer gesucht und nicht allein gelassen. Die Schüler, die die BOS dafür vorschlägt, ist seit Jahren größer als die Zahl der Mentoren. Interessenten können sich in der Freiwilligenagentur melden – unter der Telefonnummer 03563 6090321.