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| 16:07 Uhr

150 Jahre Spremberger Krankenhaus
Sie wollten helfen – und die Haube

Spremberg. Ehemalige Mitarbeiterinnen des Krankenhauses erzählen von Äther und Kreuzproben. Von Annett Igel-Allzeit

Edith Roß, Renate Jürgensen, Ilona Helbig und Sigrun Helmdach rücken zusammen. Renate Jürgensen hat Fotos mitgebracht: Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit gezackten Rändern von Feierlichkeiten der Krankenhausbelegschaft. Alle vier Frauen sind heute im Ruhestand, haben sich aber Jahrzehnte als Kolleginnen im Krankenhaus aufeinander verlassen können. Hübsche Schwestern waren sie. Und die Ärzte wirken auf den Fotos immer ein bisschen wie der Hahn im Korb.

Edith Roß lacht. Seit 1956 arbeitete sie im Spremberger Krankenhaus. „Ich wollte Schwester werden, weil ich die Haube so hübsch fand“, gesteht sie. In zweieinhalb Jahren ließ sie sich zur Hilfsschwester ausbilden. „In nichtmedizinischen Fächern unterrichteten uns auch Lehrer aus Spremberger Schulen – Ruth Borjack hatte ich zum Beispiel in Deutsch“, erinnert sich Edith Roß. Schnell gefiel ihr mehr im Krankenhaus als die Haube, die übrigens stets korrekt gefaltet werden musste. Aus „vorübergehend im OP“ wurden viele Jahre. „Bis 1999 war ich Schwester im Operationssaal“, sagt sie. Nach den zwei Jahren an der Fachschule in Cottbus folgten Weiterbildungen. In Potsdam wohnte sie als junge Frau noch einmal im Internat. Sie musste alles über die Sterilisation wissen, über die Gerätschaften, über die Narkose. Eine große Erleichterung war, dass Fachärzte für Anästhesie für Operationen nötig wurden. Rosemarie Ahland begann damals, die Anästhesie im Spremberger Krankenhaus aufzubauen. Sie soll, wie Chefärztin Sabine Manka, schon als junges Mädchen in den Ferien im Krankenhaus gearbeitet haben und versprochen haben, wiederzukommen. Ungern erinnert sich Edith Roß nur an die Narkosen mit Äther. „Die mochte ich nicht. Auch weil es vielen Patienten danach so schlecht ging“, erklärt sie.

Ilona Helbig nickt. Nicht umsonst mussten Schwestern auch Sitzwachen leisten. „Von 22 bis 2 Uhr zum Beispiel“, erinnert sich Ilona Helbig, „da haben wir wirklich am Bett des Patienten gesessen, haben auch mal die Hand gehalten, beruhigt. Wann finden die Schwestern heute noch Zeit dafür?“ Für sie, die sich bis zur stellvertretenden Stationsschwester hocharbeitete, war der Beruf Berufung. „Ich hatte als junges Mädchen mehrere kleine Stiefgeschwister und war viel bei der Oma – da musste ich früh helfen können.“ Sie startete von 1958 bis 1961 mit einer Ausbildung zur Säuglingspflegerin, absolvierte das Examen zur großen Krankenpflege. Gebraucht wurde sie dann auf der Station in der Chirurgie. „Das gefiel mir auch. Chirurgie hat Hand und Fuß, ich sehe, wie es heilt, sehe das Ergebnis meiner Arbeit“, sagt Ilona Helbig. Sogar eine Kinderchirurgie hatte das Spremberger Krankenhaus – für Blinddarmoperationen und Brüche. Aber dann fehlte es an einem chirurgischen Kinderarzt. Ilona Helbig ist stolz, dass auch ihre Tochter in den medizinischen Bereich gegangen ist. „Sie ist Hebamme – obwohl sie gesehen hat, dass es mit den Schichten nicht so einfach ist.“

Sigrun Helmdach: „Die Familie muss mitziehen und viel Verständnis haben.“ Einen Betriebskindergarten, wie ihn das Krankenhaus heute hat, gab es zu jener DDR-Zeit nicht. Aber solange es die Kinderstation gab, war da ein Extra-Zimmer für die Kinder der Angestellten, die spontan einspringen mussten.

Als Aprilscherz, wie Sigrun Helmdach sagt, kam sie am 1. April 1971 ins Spremberger Krankenhaus. „Vorher war ich am Hygieneinstitut in Cottbus. In der Bakteriologie dort hat es mir viel Spaß gemacht. Aber die tägliche Fahrerei wollte ich nicht mehr.“ Vom Labor im Spremberger Krankenhaus wechselte sie 1986 in die Funktionsdiagnostik – wo sie bis 2005 blieb und auch immer wieder Blutspende-Aktionen begleitete.

Im Labor arbeitete bis 2008 Renate Jürgensen als Medizinisch-technische Assistentin. „Schnell war sie und zuverlässig“, erinnert sich Ilona Helbig. Renate Jürgensens Start im Krankenhaus 1963 hatte allerdings mit einem Schicksalsschlag begonnen. „Meine Mutti war gestorben, ich war erst 16. Hier im Krankenhaus wurde eine Beschäftigung für mich gefunden.“ Nach ersten Hilfsarbeiten auf Station kam sie zum Jahresbeginn 1963 ins Labor und entwickelte sich zur Fachfrau in der Blutgruppenserologie und bestimmte auch nachts Blutgruppen und führte Kreuzproben durch, die vor einer Bluttransfusion notwendig  sind.

Viel haben sie erlebt und gesehen. Aber als die Spremberger mit ihnen 1997, 2002 und 2011 für den Erhalt des Krankenhauses auf die Straße gingen, hatten sie Gänsehaut. Die Entwicklung der Krankenhäuser in Brandenburg verfolgen sie nun gespannt, zum Klinikum Niederlausitz haben sie ihre Meinung. „Kompetente Ärzte sind wichtig“, sagt Sigrun Helmdach, „und der menschliche Umgang hier im Haus auch mit uns Mitarbeitern, der hat mir gefallen. Selbst jetzt als Rentner werden wir regelmäßig eingeladen.“

 Renate Jürgensen (l.), die viele Jahre im Labor des Spremberger Krankenhauses gearbeitet hat, zeigt Ilona Helbig (2.v.l.), Edith Roß und Sigrun Helmdach (r.) Fotos von einstigen Feiern des Krankenhauspersonals.
Renate Jürgensen (l.), die viele Jahre im Labor des Spremberger Krankenhauses gearbeitet hat, zeigt Ilona Helbig (2.v.l.), Edith Roß und Sigrun Helmdach (r.) Fotos von einstigen Feiern des Krankenhauspersonals. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
 Renate Jürgensen (l.), die viele Jahre im Labor des Spremberger Krankenhauses gearbeitet hat, zeigt Ilona Helbig (2.v.l.), Edith Roß und Sigrun Helmdach (r.) Fotos von einstigen Feiern des Krankenhauspersonals.
Renate Jürgensen (l.), die viele Jahre im Labor des Spremberger Krankenhauses gearbeitet hat, zeigt Ilona Helbig (2.v.l.), Edith Roß und Sigrun Helmdach (r.) Fotos von einstigen Feiern des Krankenhauspersonals. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit