Der Bereich Soziale Arbeit an der Cottbuser Universitär boomt. Trotz oder gerade weil er sich mitten hinein begibt in die Konflikte, die die Stadt seit einigen Jahren prägen. Seit dem Sommersemester 2017 ist Heike Radvan Professorin für „Methoden und Theorien Sozialer Arbeit“ an der BTU.

Seit vier Semestern organisiert sie gemeinsam mit der Kollegin Prof. Dr. Birgit Behrensen und dem Fachschaftsrat Soziale Arbeit Ringvorlesungen rund um das Thema demokratische Kultur und Soziale Arbeit. Aktuell konzentriert sich eine Vorlesungsreihe auf 30 Jahre friedliche Revolution.

Frau Prof. Radvan, auf den Fluren im Lehrgebäude in Sachsendorf hängen Plakate mit dem Slogan „Schöner leben ohne Nazis“. Warum?

Radvan: Die Plakate sind eine studentische Initiative. Studierende, die sich für den Bereich der Sozialen Arbeit entscheiden, haben in der Regel eine starke Gerechtigkeitsmotivation und auch wir Lehrenden vertreten einen menschenrechtspädagogischen Ansatz.

Wir wollen nach innen und nach außen deutlich machen, dass rassistische, fremdenfeindliche Positionen bei uns keinen Platz haben.

Warum auch nach innen?

Radvan: Seit Jahren gibt es bei Rechtsextremen die Bestrebung, sich professionell im sozialen Bereich zu engagieren und so Einfluss auf junge Menschen zu gewinnen. Das bringt Universitäten in Schwierigkeiten.

In Bremen hat die rechtsextreme Tochter einer NPD-Funktionärin Lehramt studiert, an der Uni war sie auf den ersten Blick unauffällig, privat war sie sehr aktiv in völkischen Milieus, und hat unter anderem entsprechende Erziehungsmethoden verbreitet.

Auf den zweiten Blick hat sie an der Uni durchaus versucht, ihre Ideologie zu verbreiten, unter anderem beim Thema „Gender“ und sie hat in Zweiergesprächen – also sehr strategisch, so dass es niemand weiteres mitbekommt – migrantische Studierende unter Druck gesetzt und bedroht.

Solche Situationen stellen Hochschulen und Lehrende vor ein Problem. Die junge Frau genießt ein Grundrecht auf Bildung und auf freie Berufsausübung. An der Universität müssen wir aber gleichzeitig gewährleisten, dass Menschen mit Rassismus- oder Minderheitenerfahrungen geschützt werden und angstfrei studieren können.

Ein Dilemma, mit dem auch wir umgehen müssen. Das gesellschaftliche Klima, das in der Stadtgesellschaft herrscht, beeinflusst natürlich auch unsere Studierenden.

Stichwort Stadtgesellschaft: Sie beforschen derzeit auch die Bürgerdialoge, die es in den vergangenen Monaten gegeben hat. Haben Sie schon Ergebnisse?

Radvan: Es hat sich sehr deutlich gezeigt, dass solche Gesprächsformen gut vorbereitet und moderiert werden müssen, damit ein wirklich demokratischer Diskurs möglich ist. Es wird schwierig, wenn im öffentlichen Raum rassistische, fremdenfeindliche Aussagen unwidersprochen im Raum stehen bleiben. Sie können dann, das zeigt die Forschung, ihre Wirkung entfalten.

Ein Beispiel?

Radvan: In einer Veranstaltung fiel der Satz, man spüre deutlich, dass die Bundespolitik darauf abziele, Deutschland in ein islamistisches Land zu verwandeln, zu merken sei das, wenn das Stadtfest exakt auf das Datum des Zuckerfestes gelegt werde.

Nun wurde zwar von offizieller Seite deutlich gemacht, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen den beiden Festen gebe – die nicht nur unter Neonazis verbreitete Verschwörung einer „Umvolkung“ blieb aber unwidersprochen.

Auf der anderen Seite konnten wir in Sachsendorf sehen, dass gute Soziale Arbeit im Stadtteil enorm wichtig ist: Der dortige Sozialarbeiter hat vor dem Bürgerdialog mit vielen Menschen, auch Migrant*innen, gesprochen und sie ermuntert, sich zu Wort zu melden. Das gab ein sehr differenziertes Bild.

Zu Beginn des Jahres hat die AfD sich dann das Thema der friedlichen Revolution angeeignet und die „Wende 2.0“ propagiert. Ist Ihre neue Vorlesungsreihe eine Reaktion darauf?

Radvan: Ja, denn wir haben uns gefragt, weshalb die AfD mit dieser Strategie Erfolg hat. Es sind ja nicht wenige ehemalige Bürgerrechtler in die AfD eingetreten und auch bei den Demonstrationen von Zukunft Heimat in Cottbus sieht man Menschen, die vor 30 Jahren für die Demokratie auf die Straße gegangen sind.

Warum das so ist und welche Leerstellen es in der Wahrnehmung gibt, ist eine wichtige Frage für die aktuelle Forschung.

Friedliche Revolution in der Lausitz So vereinnahmt die AfD die Wende von 1989

Cottbus

Die aktuelle Ringvorlesung zu 30 Jahre friedliche Revolution


Prof. Dr. Heike Radvan wurde 2009 wurde als Erziehungswissenschaftlerin zum Thema „Pädagogisches Handeln und Antisemitismus“ promoviert. Von 2002 bis 2017 hat sie für die Amadeu Antonio Stiftung igearbeitet, war seit 2011 verantwortlich für den Aufbau und die Leitung der „Fachstelle Gender und Rechtsextremismus“. Seit dem Sommersemester 2017 lehrt sie an der Brandenburgisch-Technischen Universität in Cottbus.

Die nächste Vorlesung an der BTU Cottbus-Senftenberg zum Thema 30 Jahre friedliche Revolution findet am 19. November statt. Dann spricht der Historiker Dr. Patrice G. Poutrus über die Erfahrungen von People of Colour und Migranten in der ehemaligen DDR.

Fremd- und Feindbilder über Ost- und Westdeutsche sind am 11. Dezember Thema der Vorlesungsreihe. Im neuen Jahr geht es am 16. Januar weiter. Dann zeigt die Dokumentarfilmerin Sabine Michel eine Langzeit-Doku über drei Anhänger von Pegida.

Alle Veranstaltungen beginnen um 18 Uhr in der 7. Etage der Uni-Bibliothek IKMZ in Cottbus.