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| 18:51 Uhr

Sommertour zum Biohof Auguste
Von Menschen, Gänsen und Hühnern

 Rainer Tosch, Leiter des Hofes, führt die RUNDSCHAU-Leser über das 16 Hektar große Areal. Er spricht über ökologische Tierhaltung für den Cottbuser und Berliner Markt sowie über das Gemüse, das im Hofladen verkauft wird. 
Rainer Tosch, Leiter des Hofes, führt die RUNDSCHAU-Leser über das 16 Hektar große Areal. Er spricht über ökologische Tierhaltung für den Cottbuser und Berliner Markt sowie über das Gemüse, das im Hofladen verkauft wird.  FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Die Lebenshilfe bietet Menschen mit Handicap Arbeitsmöglichkeiten. Davon profitieren auch die Tiere. Von Andrea Hilscher

Der Biohof Auguste ist längst zu einer Institution in Cottbus und dem Spree-Neiße-Kreis geworden. Seit neun Jahren betreut die Lebenshilfe auf dem Hof zwischen Cottbus und Kolkwitz Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Heute arbeiten 60 Menschen auf dem Hof. Was genau sie dort leisten, konnten sich die Teilnehmer der diesjährigen Sommertour zum Biohof anschauen.

Rainer Tosch hat vor drei Monaten die Hofleitung übernommen. „Wir sind ein landwirtschaftlicher Betrieb, wir produzieren Nahrungsmittel nach hohen ökologischen Standards. Aber in erster Linie geht es bei uns um die Menschen.“ Janet Birk ist Sozialarbeiterin bei der Lebenshilfe, die für insgesamt 800 Menschen mit Beeinträchtigungen Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen hat. „Es ist unser Auftrag, diesen Menschen einen passgenauen Arbeitsplatz anzubieten.“ Und genau den finden sie auf dem Biohof. Keine engen Räume, kein Lärm, keine Hektik und ausreichend Rückzugsmöglichkeiten bieten die Teamleiter ihren Mitarbeitern. Sie geben ihnen eine klare Tagesstruktur, motivieren und erklären, was zu tun ist.

 Die Hähne werden nicht geschreddert, dürfen in Ruhe aufwachsen.
Die Hähne werden nicht geschreddert, dürfen in Ruhe aufwachsen. FOTO: LR / Hilscher Andrea

„Manchmal fordert das schon ganz schön Geduld“, gibt Rainer Tosch lächelnd zu. „Wenn beim Unkrautzupfen die Möhren gleich mit vernichtet werden, ist das manchmal schon etwas ärgerlich.“ Aber auch gilt: Es geht in erster Linie um den Menschen. Der Hof soll zwar wirtschaftlich arbeiten, als gGmbH muss er aber keine Gewinne abwerfen. „Nur so können wir uns einige Experimente leisten, die in der konventionellen Landwirtschaft nicht denkbar wären“, sagt Tosch.

FOTO: LR / Hilscher Andrea

Die Bruderhähne sind dafür ein schönes Beispiel. In der Regel werden männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Um ihre Aufzucht zu finanzieren, müssten die Landwirte die Eierpreise enorm erhöhen. „Und das zahlt der Verbraucher nicht.“

FOTO: LR / Hilscher Andrea

Auf dem Hof Auguste dagegen können die Hähne in aller Ruhe aufwachsen. Sie haben einen Stall mit Rückzugsmöglichkeiten, genügend Auslauf und sie haben mit Frank Maczkowski einen erfahrenen Geflügelexperten, der für Ruhe unter den streitbaren Hähnen wie auch bei den 1150 Legehennen sorgt. Sie gehören zur edlen Rasse der „Les Bleues“, die in Frankreich als Bresse-Hühner Preise von bis zu 44 Euro pro Kilogramm erzielen.

FOTO: LR / Hilscher Andrea

Im Hofladen werden die Tiere für 12,50 Euro pro Kilo verkauft, konventionelle Broiler gibt es im Handel schon für 4,50 Euro. „Die werden aber schon nach dem 33. Tag geschlachtet, unsere Hähne leben 93 bis 95 Tage“, sagt Frank Maczkowski. In diesem Jahr kommt zum ersten Mal ein mobiler Schlachtbetrieb auf den Hof, sodass den Tieren der Transport erspart bleibt.

Auch die Gänse auf dem Hof – aktuell sind es rund 1500 – können sich auf weitläufigen Wiesen austoben, nach Futter suchen und mit Wasser panschen. Während die kleinen Gössel noch Schutz durch Netze und den Menschen brauchen, reicht bei den größeren Gänsen ein Elektrozaun, um Marder und Füchse abzuhalten.

Die Gänse werden im November geschlachtet und werden dann als Tiefkühlware verkauft. „So ist es für unsere Mitarbeiter am wenigsten stressig“, erklärt Ronny Hehne, der den Biohof mit aufgebaut hat.

Er sorgt sich um die zunehmende Wasserknappheit und die Veränderungen in Flora und Fauna – selbst auf dem Biohof. „Auch wir hören kaum noch Vögel, und Schmetterlinge sind Fehlanzeige“, sagt Ronny Hehne.

Am 14. September lädt der Biohof zum Tag der offenen Tür. Ab dann können auch Martins- und Weihnachtsgänse bestellt werden.

Stimmen

Annelies Andretzki, Rentnerin aus Cottbus, interessiert sich sehr für die Natur, für Tierhaltung und ökologische Zusammenhänge. „Von der Lebenshilfe bin ich begeistert, dass sie derartige Projekte aufbaut. Es ist wunderbar, dass Menschen mit Beeinträchtigungen hier einen Arbeitsplatz finden, der ihnen angemessen ist.“ Die Cottbuserin erzählt lächelnd: „Gänse und Hühner und all diese Tiere sind einfach mein Ding.“ Sie sei beeindruckt von dem Projekt auf dem Biohof, von dem Mensch und Tier gleichermaßen profitieren.

 Annelies Andretzki
Annelies Andretzki FOTO: LR / Hilscher Andrea

Helga Elsner, die ebenfalls aus Cottbus kommt, ist zum ersten Mal auf dem Biohof Auguste. Seit sie unter Arthrose leidet, hat sie ihre Ernährung umgestellt, setzt auf Obst und Gemüse statt auf Fleisch. „Da interessiert mich das Angebot hier sehr.“ Und ihre Ernährungsumstellung? „Halte ich seit einem halben Jahr durch. An Gewicht habe ich verloren, aber die Schmerzen sind  geblieben.“ Dennoch will sie an ihrer Lebensweise festhalten.

 Helga Elsner
Helga Elsner FOTO: LR / Hilscher Andrea

Sabine Dmitrakowa, Lehrerin aus Cottbus, ist neugierig auf einen Blick hinter die Kulissen des Hofes. „Ich war vor zwei Jahren schon einmal zu einem Hoffest hier.“

 Dmitrakowa Sabine
Dmitrakowa Sabine FOTO: LR / Hilscher Andrea

Zum Abschluss der Tour haben die Teilnehmer kräftig im Hofladen eingekauft und gesagt: „Wir kommen wieder.“