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Reisebericht
Zwischen Lebensfreude und Leichtsinn

Ortrands Bürgermeister Niko Gebel hat vor Kurzem die Republik Libanon besucht: „Doch auch hier spürt man dieses seltsame Gefühl zwischen Lebensfreude, Unsicherheit, religiöser Tiefe und doch ein wenig Leichtsinn.“
Ortrands Bürgermeister Niko Gebel hat vor Kurzem die Republik Libanon besucht: „Doch auch hier spürt man dieses seltsame Gefühl zwischen Lebensfreude, Unsicherheit, religiöser Tiefe und doch ein wenig Leichtsinn.“ FOTO: Niko Gebel
Beirut. Ortrands Bürgermeister Niko Gebel hat den Libanon bereist. An einem Sonntagnachmittag taucht er an einer Mittelmeerpromenade in ein Wechselbad der Gefühle ein. Ein gekürzter Reisebericht aus Beirut:

Ein libanesisches Sprichwort sagt: „Wer etwas ahnt, weiß schon sehr viel“. Treffender kann man wohl das Lebensgefühl der Menschen in der Republik Libanon im späten November 2017 kaum beschreiben. Ein Land, in dem verschiedenste Kulturen und Religionen aufeinandertreffen, lässt seine Gäste ausgesprochen bildlich erahnen, wie die arabische Welt funktioniert. An einem Sonntagnachmittag, rund hundert Kilometer von Damaskus entfernt, hat man auf Beiruts Mittelmeerpromenade keinesfalls das Gefühl, dass man in einer instabilen Nation ist. Ein durchaus „westliches Flair“, Ausgelassenheit und ein harmonisches Miteinander zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen und Christen geben einem das Gefühl einer guten, nahezu ausgelassenen Stimmung im Land. Umrahmt wird dieses Lebensgefühl von den gläsernen Palästen rund um die Amerikanische Universität.

Mit dem Sonnenuntergang füllen sich die Bars und Clubs in Mar Mikhael, dem angesagtesten Barviertel der Stadt. Auf den Tischen stehen weder Wasserpfeifen noch Teetassen. Libanesisches Pilsner und Cocktails dominieren klar die Getränkekarten. Ausgelebte, südländische Lebensfreude oder doch eher „zynischer Galgenhumor“ gepaart mit einem Gefühl der Unsicherheit und Angst. Die Fassaden haben Löcher, und das nicht nur sinnbildlich. In vielen Straßenzügen gehören Einschusslöcher in den Wänden zum Stadtbild. In nur kurzer Zeit dominiert die Anwesenheit von Militär die Stimmung. Unzählige Panzer und Artilleriegeschütze reihen sich präsentierend am Mittelmeer auf. Den Hintergrund des Hafens prägt die Deutsche Korvette „Magdeburg“, die in diesen Tagen dort vor Anker liegt. Als wären die gegensätzlichen Bilder nicht genug, umrahmt ein ständiges Hupen der Autos auf den überfüllten Straßen, die Rufe des Muezzins, abgewechselt mit Kirchenglockengeläut oder die eine oder andere hitzige Diskussion auf Arabisch die gesamte Atmosphäre „musikalisch“. An Touristen fehlt es in den Tagen in dieser doch so reizvollen und schönen Region nahezu gänzlich.

Dies wird seine Gründe haben: Man muss schwer bewaffnete Militärposten passieren, um in den schiitisch dominierten Stadtteil, aber auch zum Flughafen zu gelangen. Da bleibt ein Gefühl des Unbehagens, auch wenn die Soldaten stets freundlich und höflich grüßen. In der so genannten „Dahyeh“ im Süden der Stadt weht an Häusern und Masten die gelbe Flagge der Hisbollah. Doch auch hier spürt man dieses seltsame Gefühl zwischen Lebensfreude, Unsicherheit, religiöser Tiefe und doch ein wenig Leichtsinn. Noch weiter im muslimisch dominierten Süden des Landes herrscht auf den Basaren reges Leben. Kreuzritterburgen entlang der Küste erinnern an eine längst vergangene und doch noch ein Stück gegenwärtige Zeit. Blaue Spendenboxen von islamischen karitativen Hilfsverbänden stehen davor. Das Geld wird benötigt; Über 1,2 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge halten sich in dem kleinen Land, das ungefähr so groß ist wie die Lausitz, auf. Dazu kommen noch etwa 500 000 Palästinenser.

In Libanon gibt es den Brauch, dass jeder Gast einen Vogel malt. Niko Gebel hat sich für eine Taube entschieden.
In Libanon gibt es den Brauch, dass jeder Gast einen Vogel malt. Niko Gebel hat sich für eine Taube entschieden. FOTO: Niko Gebel