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| 22:09 Uhr

Regionales Brauchtum
Zum Ehrendienst auf vier Hufen

Matthias Gneuß mit Ivo, einem süddeutschen Kaltblut. Zu Ostern geht es gemeinsam mit dem sächsischen Kaltblut Orlando nach Wittichenau, um zwei Reiter zu tragen, die zwischen Wittichenau und Ralbitz gemeinsam mit über 400 Gläubigen singend und betend die Auferstehung des Herrn verkünden werden.
Matthias Gneuß mit Ivo, einem süddeutschen Kaltblut. Zu Ostern geht es gemeinsam mit dem sächsischen Kaltblut Orlando nach Wittichenau, um zwei Reiter zu tragen, die zwischen Wittichenau und Ralbitz gemeinsam mit über 400 Gläubigen singend und betend die Auferstehung des Herrn verkünden werden. FOTO: Richter Torsten
Schwarzbach/Wittichenau. Die Pferde aus dem Stall von Matthias Gneuß aus Schwarzbach reiten mit im Prozessionszug am Ostersonntag von Wittichenau nach Ralbitz. Tausende Schaulustige werden erwartet. Von Torsten Richter-Zippack

Der Karsonnabend ist für Matthias Gneuß ein ganz besonderer Tag. Denn kurz vor Ostern fährt der 42-jährige Schwarzbacher nach Wittichenau. Eigentlich nichts Besonderes, würde Gneuß nicht seine beiden Pferde mitnehmen. Denn die beiden 18-jährigen Kaltblüter Ivo und Orlando dürfen bei der Wittichenauer Prozession am Ostersonntag mit dabei sein. Konkret geht es zu Familie Passeck. Stefan Passeck wird in diesem Jahr zum 39. Mal im Sattel sitzen, davon das siebte oder achte Mal auf dem Schwarzbacher Hengst Ivo, so genau weiß er es nicht mehr. Sein jüngster Sohn reitet auf Wallach Orlando.

Sobald die Pferde am Karsonnabend auf dem Hof eingetroffen sind, beginnt das große Putzen und Wienern der Tiere. Eine besondere Arbeit sei das Einflechten der Mähne. „Das erledigen die Frauen“, erzählt Passeck, der ebenso wie Matthias Gneuß im Tiefbau sein Geld verdient. Anschließend erfolge die Sattelanprobe, dann der Proberitt. An den Schwarzbacher Pferden schätzt der 52-Jährige vor allem ihre Ruhe und Ausdauer. Schließlich sei die Strecke von Wittichenau zur Nachbargemeinde nach Ralbitz und wieder zurück zu bewerkstelligen, immerhin mehr als 30 Kilometer.

Dass Ivo und Orlando diese Distanz fast spielerisch wegstecken, haben die Pferde Matthias Gneuß zu verdanken. Denn der Schwarzbacher trainiert seine beiden Recken regelmäßig. Die Kaltblüter holen Holz aus dem eigenen Wald, transportieren manche Fuhre Heu und ziehen nicht zuletzt eine Kutsche, die sich Gneuß zum 40. Geburtstag geleistet hat. „Ich bin begeisterter Kremserfahrer“, sagt der heute 42-Jährige stolz. Wann immer es die Zeit erlaube, werde das Gefährt, das acht Personen Platz bietet, eingespannt. Und dann gehe es durch die landschaftlich reizvolle Umgebung um Schwarzbach. „Ein herrliches Hobby“, resümiert Matthias Gneuß.

Seine Liebe zu den Pferden kommt nicht von ungefähr. „Schon mein Großvater Rudi Pohling hatte Pferde“, sagt Gneuß. „Die Tiere transportierten zu DDR-Zeiten Holz ins Schwarzbacher Sägewerk. Zudem ging Opa mit ihnen zu verschiedenen Bauern zum Feldpflügen. Nicht zuletzt holte das Gespann Kohle aus der Briesker Brikettfabrik in unser Dorf.“ Gneuß bedauert ein wenig, dass sich seine beiden Söhne bislang nur wenig für Pferde begeistern. Stattdessen jagen der Neun- und der 17-Jährige lieber dem Fußball nach. „So ist es halt, und ich will auch nichts erzwingen“, kommentiert der Vater.

In der Karwoche hat sich Matthias Gneuß extra Urlaub genommen. Schließlich sei das Osterreiten, das die Wittichenauer auch gern als Kreuzreiten bezeichnen, etwas ganz besonderes. „Für mich ist es eine Ehre, mit meinen beiden Pferden einen winzigen Teil dazu beizusteuern“, sagt der Schwarzbacher. Es versteht sich von selbst, dass er am Ostersonntag wie Tausende andere Schaulustige auch am Straßenrand stehen wird, um die Prozession zu bewundern. „Meine beiden Tiere erkenne ich schon von weitem“, sagt Gneuß. „Dann gibt es immer ein großes Hallo.“ Selbst möchte er aber nicht ganztags im Sattel sitzen. „Das wäre mir zu anstrengend. Deshalb habe ich vor den Osterreitern großen Respekt.“

Der Kontakt zwischen den Familien Gneuß in Schwarzbach und Passeck in Wittichenau ist übrigens auch durch Empfehlung eines Pferdekenners zustande gekommen. Die Familien haben sich sofort prima verstanden. Und deshalb wird herzlicher Kontakt auch über das traditionelle Osterreiten hinaus gepflegt. Die Schwarzbacher bitten die Wittichenauer alljährlich zu Pfingsten zum gemeinsamen Kremserausflug. Der Fahrplan steht schon fest: In diesem Jahr sollen Ivo und Orlando die Kutsche in Richtung Arnsdorf und Kroppen, also quer durch die Ruhlander Heide, ziehen. Das Tempo spiele dabei keine Rolle. Stattdessen Andächtigkeit und Freude. Also wie beim Osterreiten.