ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 10:01 Uhr

"Zuerst müssen die Schandflecke weg"

Senftenberg.. 200 Mieter verloren in diesem Jahr, dabei 500 Wohnungen abgerissen – damit dürfte die Kommunale Wohnungsgesellschaft in Senftenberg (KWG) Ende 2004 erstmals unter eine Leerstandsquote von 20 Prozent rutschen. Dennoch bleibt die wirtschaftliche Situation des Unternehmens äußert angespannt, sagen die beiden KWG-Geschäftsführer Matthias Braunwarth und Roland Osiander.

Die KWG dürfte mit ihrem Abriss- und Sanierungsprogramm in diesem Jahr so ziemlich durch sein, oder?

Matthias Braunwarth: Einige Maßnahmen laufen noch an. In Senftenberg müssen in der Hanseatenstraße 14 bis 22 und in der Kranichstraße 1 bis 13 zwei Gebäude weichen. 120 Wohnungen nehmen wir dabei vom Markt. Auch in der Rembrandstraße in Großräschen bauen wir derzeit einen Wohnblock mit 48 Wohnungen zurück. In Schipkau werden in der Leninstraße 9 bis 17 weitere 40 Wohnungen verschwinden. Interessant für die Senftenberger ist sicher der Abriss des Fünfgeschossers am Neumarkt noch in diesem Jahr.

Darauf haben die Senftenberger lange gewartet, weil der Neumarktriegel sich unschön abhebt vom neu gestalteten Neumarkt. Auch der Bürgermeister hatte sich ja in die Verhandlungen mit den Banken eingeschaltet.

Braunwarth: Dazu hören Sie von mir keinen Kommentar. Jedenfalls haben die Banken nach langen Verhandlungen jetzt grünes Licht gegeben, der Fördermittelbescheid ist da, die Vergabe durch. In ein, zwei Wochen beginnt der Rückbau, der sich aber sicher bis in das nächste Jahr hineinziehen wird.

Mit Abrissen drücken sie den Leerstand. Wir hoch ist der bei der KWG?

Roland Osiander: Wir denken, dass wir am Jahresende unter die 20 Prozentgrenze rutschen. Bei Unterschieden in den einzelnen Städten: In Senftenberg hatten wir Ende September 21,5 Prozent Leerstand, in Großräschen 33, in Schipkau 20,7, in Schwarzheide nur neun Prozent. Von 2002 bis 2004 haben wir insgesamt 900 Wohnungen vom Markt genommen, 500 allein dieses Jahr. Zugleich haben wir 2004 aber 200 Mieter verloren. Der Leerstand bei der KWG ist vergleichbar mit dem von Wohnungsunternehmen in anderen Städten, die zu DDR-Zeiten aufgebläht wurden, etwa in Cottbus.

Auf welche Größe wollen Sie Ihren Wohnungsbestand schrumpfen?

Osiander: Niemand kann seriöserweise sagen, wo wir einmal ankommen werden. Vorläufig schauen wir nur bis 2010. Bis dahin haben wir 3300 Wohnungen zurückgebaut.

Was ist dabei der wirtschaftliche Effekt für die KWG?

Osiander : Weniger Leerstands- sowie weniger Betriebskosten, die ja auf die Mieter nicht umlegbar sind. Sämtliche leere KWG-Wohnungen verursachen uns im Jahr so ungefähr zehn Millionen Euro an Minder-Einnahmen und Kosten.

Hinzu kommen Kredite bei sieben Banken, die sie bedienen müssen, außerdem die Altschulden.

Osiander: Die Verbindlichkeiten sind schon hoch, wie hoch, werden Sie von mir nicht erfahren. Aber so viel können wir sagen: Wir kommen damit zurecht. Die KWG ist nicht gefährdet. Dieses für die Region wichtige Unternehmen, das jährlich Aufträge in Höhe von etwa zehn Millionen Euro vergibt für Sanierung, Wartung und Abriss, wird weiter bestehen bleiben. Das schaffen wir. Das ist unsere Aufgabe.

Sie reduzieren Ihren Wohnungsbestand, auch den ihres Personals?

Braunwarth: Vorerst nicht wesentlich weiter. Wo sollen wir da noch Leute wegnehmen?! Wir haben heute bei der KWG nur noch ein knappes Drittel der Beschäftigten, die wir im Jahr 2001 hatten.

Den Banken ständig nachzuweisen, dass die KWG wirtschaftlich arbeitet, ist das eine. Mieter und Gesellschafter, also Kommunen wie Senftenberg und Großräschen, wollen aber doch auch zufrieden gestellt werden.

Braunwarth: Und ob! Bis wir bei den beteiligten Akteuren Verständnis dafür erreichen konnten, unter welchen Zwängen wir zu arbeiten haben und dass die von der Politik beschlossenen Stadtumbaukonzepte sich nicht einfach eins zu eins umsetzen lassen – das hat gedauert. Wir können Wohnblöcke nicht einfach abreißen, wenn die Banken nicht ihr O.K. geben. Dann haften wir persönlich. Auch müssen die Mieter in einem Haus mit sehr hohem Leerstand von einem Umzug erstmal überzeugt werden. Mindestens ein halbes Jahr muss man einem Mieter im Zuge unseres Umzugsmanagements dafür Zeit lassen. Auch können wir Mietpreise, mit denen wir im Süden des OSL-Kreises sowieso schon unter dem Durchschnitt liegen, in dieser strukturschwachen Region nur gering anheben. Aber um eine Anpassung der Mieten und das Umlegen der rechtlich zulässigen Betriebskosten kommen wir nicht mehr herum.

Aber ignorieren können Sie die Stadtumbaukonzepte für Senftenberg, Großräschen und Schipkau doch auch nicht.

Braunwarth: Wir nehmen das sehr ernst. Schon weil durch ihre Umsetzung die Standorte aufgewertet werden und auch wir davon profitieren. Aber ganz so ist es nicht mehr, dass etwa Senftenberg vom Rand her schrumpfen und in der Mitte aufgewertet wird. Mittlerweile gehen wir das Thema pragmatisch an. Also: Zunächst ist es wichtig, dass überall – egal, wo sie stehen – die Schandflecke wegkommen, so wie jetzt der Neumarktriegel in Senftenberg.

Mit MATTHIAS BRAUNWARTH und ROLAND OSIANDER sprach Daniel Preikschat