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Zeuge kämpft in Cottbus mit Horror-Bildern

Zeuge im Mordprozess
Zeuge im Mordprozess FOTO: Jan Augustin (LR-MOB-RED-204)
Cottbus/Senftenberg. Am Landgericht Cottbus beginnt heute der Prozess gegen einen Mann, der in Senftenberg seine Ehefrau auf brutalste Weise ermordet haben soll. Ein Nachbar beobachtete die Tat. Jan Augustin

Es soll nur eine gemütliche Zigarette am Fenster werden. In der Wohnung raucht Steffen Lippoldt nicht. Der 54-Jährige lebt im vierten Stock eines Mehrfamilienblockes unweit des Stadtzentrums. Zwei Etagen unter ihm hat der Senftenberger an einem Herbstabend im vergangenen Jahr Schreckliches beobachtet. "Sie hat sich versucht festzuhalten. Dann habe ich gesehen, wie er sie rausgestoßen hat. Und dann ist sie auf den Fahrradständer geknallt", sagt der 54-Jährige, der zum Auftakt des Mord-Prozesses am Landgericht Cottbus an diesem Mittwoch als einer der wichtigsten Zeugen erwartet wird.

Die Delle, die der aufschlagende Körper auf dem Metallgestell hinterlässt, ist noch heute erkennbar. Ansonsten erinnert auf den ersten Blick nichts mehr an die Tat. Nebenan kreischen Kinder der benachbarten Grundschule um die Wette. Steffen Lippoldt gehen die Bilder jedoch nicht aus dem Kopf. "Ich denke die ganze Zeit daran. Das ganze Blutbad hat man immer wieder vor Augen", sagt der als Betreuer in einem Obdachlosenheim arbeitende Steffen Lippoldt. Mit der Verhandlung erhoffe er sich auch, einen Abschluss für sich zu finden. Kurz nach der Tat geht er bei einem Psychotherapeuten in Behandlung. Zehn Sitzungen habe er mitgemacht. "Das hat gut geholfen", sagt er.

Das Horrorszenario in der Mordnacht ist nach dem Sturz aus dem Badfenster aber noch nicht zu Ende. Am Boden liegend, habe sich die fünffache Mutter, die mit ihrer Familie als Asylbewerber aus Tschetschenien im August nach Deutschland gekommen ist, noch bewegt. Kurze Zeit später habe Steffen Lippoldt beobachtet, wie der Mann seiner noch lebenden Ehefrau mit einem Messer in den Hals schneidet. Die damals 27-Jährige erliegt noch vor Ort ihren Verletzungen.

Für die Tat hat Steffen Lippoldt keine Erklärung. Die Familie sei nicht auffällig und "sehr freundlich" gewesen. Doch im Gegensatz zu der jungen Mutter, die als Dankeschön für kleine Hilfen im Haushalt für ihre Nachbarn Plinse und Kuchen gebacken hat, habe der Mann eher einen zurückhaltenden Eindruck hinterlassen.

Das bestätigen auch mehrere Nachbarn gegenüber der RUNDSCHAU. "Das war eine ganz ruhige und ganz normale Familie", sagt ein Mieter, der direkt über der Wohnung der Familie lebt. "Er hat sich liebevoll um seine Kinder gekümmert", sagt er. Der Mord-Vorwurf stehe deshalb "in krassem Widerspruch zu dem, wie er mit seinen Kindern umgegangen ist". Über den Mann könne sie nichts sagen, erklärt eine ältere Dame aus einem Nachbaraufgang, die ihren Namen ebenfalls nicht nennt. "Ich hatte aber den Eindruck, dass sie eine lebenslustige Frau war", sagt sie. "Das ganze Blutbad hat man immer wieder vor Augen."

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