Von Andrea Budich

Für fünf Stunden war Ruhland am Donnerstag von der Außenwelt abgeschnitten, nichts ging mehr in der menschenleeren Geisterstadt, in der nur noch das Krähen der Hähne und das Kläffen der Hunde die Stille durchbrach. Erst der Klang einer lauten Sirene um 12.28 Uhr lässt die Anspannung der 3600 Ruhlander abflauen. Der ein Kilometer weite Sperrkreis rund um die Fundstelle direkt vor dem früheren Bahnhofs-Empfangsgebäude ist aufgehoben. Die monströse amerikanische Bombe, an deren Abwurf sich die alten Ruhlander mit Tränen in den Augen am Kraterloch erinnern, ist gesprengt.

Die tickende Zeitbombe war selbst für Sprengmeister Enrico Schnick vom Kampfmittelbeseitigungsdienst eine nicht alltägliche Herausforderung. Denn der Blindgänger bringt eine halbe Tonne auf die Waage. „Da steckt auch heute noch ordentlich Wumms drin“, sagt der 38-jährige Fachmann Minuten nach der Sprengung noch hoch konzentriert, aber sichtlich zufrieden.

Dem amtierenden Amtsdirektor Christian Konzack fallen in diesem Moment Wackersteine vom Herzen. Für ihn war die Evakuierung eines Großteils der Stadt mit 2400 Bewohnern, einer Schule, zwei Kitas und einem Altenheim eine Feuerprobe. Dass alles wie ein Uhrwerk gelaufen ist und der Sperrkreis innerhalb von zwei Stunden und 40 Minuten geräumt war, ist für die Ruhlander bester Beweis, dass Konzack als künftiger neuer Amtsdirektor der richtige Mann ist.

Die Evakuierung verlief dank 200 Einsatzkräften problemlos. Alle haben ihre Häuser und Wohnungen freiwillig verlassen. Nur zwei Männer mussten eindringlicher überzeugt werden. Die meisten Ruhlander hatten mit Kind und Kegel die Stadt schon vor 8 Uhr morgens verlassen. Wer sich nicht selbst behelfen konnte, wurde mit Bussen vom Markt zum Notquartier nach Schwarzheide geschafft. 160 Ruhlander warteten gut versorgt bei Bockwurst und Kreuzworträtsel in der Cafeteria des SeeCampus Niederlausitz auf die Entwarnung.

Spannung kam noch einmal auf, als der Sperrkreis eigentlich schon geräumt war. Die neun Kontrolltrupps hatten zuvor sämtliche Straßen systematisch durchkämmt und dabei an jeder Haustür und jedem Hoftor geklingelt. Dann aber tauchten um 11.10 Uhr wie aus dem Nichts trotz Räumung zwei Personen am Bahnhof auf, einer davon auf dem Fahrrad. Beide wurden in letzter Minute von der Polizei einkassiert und aus dem Sperrkreis begleitet.

Der erste und einzige Entschärfungsversuch der 500-Kilo-Bombe scheiterte um 11.21 Uhr. Für den Sprengmeister keine Überraschung, weil die in zwei Metern Tiefe „schlummernde“ Bombe beim Einschlag ziemlich deformiert wurde. Vermutlich beim Abwurf durch die Schiene geschlagen, waren Bombe und Zünder miteinander verschmolzen. Punkt 12 Uhr zündete Sprengmeister Enrico Schnick per Knopfdruck dann die große Sprengladung. Die Druckwelle verursachte am neuen Bahnhofs-Fußgängertunnel und an den Häusern der Güterbahnhofstraße Schäden. Fenster und Scheiben zerbarsten, Regenrinnen flogen durch die Luft. Die Oberleitungen der Bahn blieben indes unbeschädigt.

Evakuierung von 2400 Bewohnern startet am Donnerstag, 8 Uhr Ruhland im Ausnahmezustand

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Sperrkreis im Stadtgebiet aufgehoben Bombe erfolgreich gesprengt in Ruhland

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