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Wünsche für Kinder anders als der Stadt-Plan

Linda Jungnickel (27) aus Senftenberg ist mit Tochter Joice (4 Monate) viel in der Stadt unterwegs. Sie Mutter wünscht sich mehr Sicherheit.
Linda Jungnickel (27) aus Senftenberg ist mit Tochter Joice (4 Monate) viel in der Stadt unterwegs. Sie Mutter wünscht sich mehr Sicherheit. FOTO: Rasche/str1
Senftenberg. Die verbriefte Kinderfreundlichkeit von Senftenberg geht an den Bedürfnissen und der Lebensrealität noch vielfach vorbei. Steffen Rascheund Kathleen Weser

Die Stadt Senftenberg trägt das Siegel "Kinderfreundliche Kommune". Die Meinungen, ob sie diesem selbst erklärten Anspruch in der Lebensrealität auch gerecht wird, gehen auseinander.

Vor allem an den hohen Gebühren für die Kindertagesstätten messen die Eltern dies. Mit mehr als der Hälfte der tatsächlichen Kosten trägt die Stadt nach wie vor den etwas größeren Brocken. Doch bei den Familien schlagen die Beträge - auch im Landesvergleich - heftig hoch ins Kontor. Die Staffelung nach Einkommensstufen und Anzahl der zeitgleich betreuten Sprösslinge in Kindertagesstätte und Hort ist umstritten. Als gerechter wird das Modell der Stadt Lübbenau empfunden. Die Elternbeiträge werden hier für die jeweiligen Betreuungsformen und -zeiten prozentual vom bereinigten Einkommen der Eltern erhoben. Der Elternbeitrag für ein mit 40 Stunden wöchentlich betreutes Krippenkind liegt innerhalb der Stadtgrenzen einheitlich bei 7,7 Prozent. Bei mehreren unterhaltsberechtigten Kindern wird die Gebühr ebenfalls für alle Kinder gestaffelt prozentual weiter ermäßigt. Und: Das Mittagessen ist frei. In Senftenberg indes hat sich die Mehrheit der Ratsrunde für eine Regelung entschieden, die vor allem Eltern von mehreren Kindern entlasten soll.

Die Grundzufriedenheit von Familien mit Kindern in der Stadt ist hoch. Gemessen wird dies allerdings herzlich wenig an den Kriterien für das Gütesiegel.

Linda Jungnickel (27) aus Senftenberg ist mit Tochter Joice (vier Monate) viel in der schönen Stadt am See unterwegs. "Ich fühle mich aber hier nicht mehr so sicher und bin deshalb auch in Sorge", sagt sie mit liebevollem Blick in den Kinderwagen. Der Drogenkonsum sei beängstigend. Im Wohngebiet an der Pieckstraße seien auch zu wenig Spielmöglichkeiten für Kleinkinder da. Das empfindet die Mutter als kinderunfreundlich.

Eva-Maria Klein (65) aus Senftenberg hat die tägliche Betreuung von Enkelsohn Quinn (1,5 Jahre) übernommen - und viel Freude an dieser Aufgabe und dem aufgeweckten Jungen. Die Mutter arbeite in Berlin und habe leider keinen Krippenplatz gefunden. Die stolze Oma wünscht sich mehr Plätze für Babys und Kleinstkinder. Und auch mehr Spielgelegenheiten für diese Altersgruppe. "Es geht um kleine Dinge, nicht um große Investitionen", versichert sie. Ihr Enkel schaukele so gern. Dafür gebe es zu wenige Möglichkeiten. "Ich gehe mit ihm viel auf die Spielplätze, damit er mit Gleichaltrigen in Kontakt kommt", sagt sie.

Marie-Christin Böhm (28) aus Senftenberg stören die vergleichsweise hohen Kosten für die Kinderbetreuung in der Stadt. Die Spielplätze seien indes sehr schön und auch gepflegt. Für Sohn Domenik (5) wünscht sich die Mutter vor allem "mehr Gelassenheit und Freundlichkeit von Mitbürgern". Der Junge ist begeisterter Fußballer und kickt leidenschaftlich, wo immer es möglich ist. Den Strand in Niemtsch steuert die Familie auch dafür gern und oft an - natürlich außerhalb der Badezeit von Sonnenhungrigen. Unfreundlich werde der aktive Sohn mit seinem Lieblingsball vielfach beäugt. Das ärgert die Mutter schon. Mehr Verständnis für Kinder wäre schön. "Und wir mögen den Senftenberger Tierpark sehr", lobt Marie-Christin Böhm.

Sylvia Jatzwauk (37) aus Senftenberg stellt fest, es könnte in Senftenberg um die Kinderfreundlichkeit doch besser bestellt sein. Auf den Spaziergängen und Erledigungen müsse sie mit Tochter Charlotte (5) zunehmend öfter den Hundehaufen ausweichen. "Tütenspender für die Tierhalter müssten da sein. Das ist auch eine Frage der Hygiene", mahnt sie an. Die Mutter vermisst in Senftenberg auch Spielgeräte für Kleinstkinder. Den Tierpark lobt sie sehr. Denn auch die Tochter hat viel Spaß in dem kleinen, liebevoll gepflegten Tierreich. Nur die Öffnungszeiten seien weniger familienfreundlich. Eltern, die berufstätig seien, schafften es nach dem Feierabend wochentags nur schwer oder gar nicht mehr, dem Mini-Zoo mit dem Nachwuchs noch den ersehnten Besuch abzustatten. Die flexiblen Betreuungszeiten in der Kindertagesstätte Froggi lobt Sylvia Jatzwauk. Ohne diesen Service wäre die Familie der Arbeit wegen oft aufgeschmissen. Das Thema sicherer Straßen liegt auch dieser Senftenbergerin am Herzen. Ein ungutes Gefühl sei inzwischen immer mit unterwegs.

Der Gemeinschaftsfonds "Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Demokratie und Wahlen" des Deutschen Kinderhilfswerkes und des Landes unterstützt das Beteiligungsprojekt "Senftenberg lebt Kinder- und Jugendbeteiligung zur Umsetzung des Aktionsplanes Kinderfreundliche Kommune" erneut mit einer Spende von 10 000 Euro. Kinderfreundlichkeit sei für die Stadt Senftenberg "zu einem wichtigen Standortfaktor geworden", erklärt die Rathaus-Spitze. Deshalb führe die Stadt eine Reihe von Beteiligungsprojekten durch, bei denen Kinder und Jugendliche aktiv miteinbezogen würden.

Zum Thema:
Als erste Stadt in Brandenburg hat Senftenberg vor nunmehr zwei Jahren das Siegel "Kinderfreundliche Kommune" erhalten. Ausgezeichnet wird damit der systematische Einsatz für die Kinderrechte, die die Vereinten Nationen (UN) formuliert haben. Ein erster Aktionsplan wird über vier Jahre umgesetzt. Die Stadt Senftenberg hat das Prädikat, das von Unicef Deutschland und dem vom Deutschen Kinderhilfswerk getragenen Verein "Kinderfreundliche Kommunen" vergeben wird, als fünfte deutsche Stadt erhalten.

Sylvia Jatzwauk (37) aus Senftenberg und Tochter Charlotte (5) müssen in der Stadt zunehmend Hundehaufen ausweichen.
Sylvia Jatzwauk (37) aus Senftenberg und Tochter Charlotte (5) müssen in der Stadt zunehmend Hundehaufen ausweichen. FOTO: str1
Marie-Christin Böhm (28) aus Senftenberg, Sohn Domenik (5) und der Fußball sind unzertrennlich. Der Kicker stößt leider auch auf Unverständnis.
Marie-Christin Böhm (28) aus Senftenberg, Sohn Domenik (5) und der Fußball sind unzertrennlich. Der Kicker stößt leider auch auf Unverständnis. FOTO: str1
Eva-Maria Klein (65) aus Senftenberg betreut mit viel Freude den Enkelsohn Quinn (1,5 Jahre), denn die Familie hat keinen Krippenplatz.
Eva-Maria Klein (65) aus Senftenberg betreut mit viel Freude den Enkelsohn Quinn (1,5 Jahre), denn die Familie hat keinen Krippenplatz. FOTO: str1