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| 10:54 Uhr

Lausitzer Wölfe
Wolfsangriffe sorgen für Kindertränen

Das ist alles, was die Wölfe von der Thüringer Waldziege übrig ließen. Foto: privat
Das ist alles, was die Wölfe von der Thüringer Waldziege übrig ließen. Foto: privat FOTO: privat
Cosel. In Cosel südlich von Ruhland haben wahrscheinlich zwei Wölfe auf einem Anwesen ein Schaf und eine Ziege gerissen. Das Schlafzimmer der Tierhalter befindet sich keine 50 Meter vom Tatort entfernt. Von Torsten Richter-Zippack

Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. März: Familie Schulz (Name geändert) aus Cosel hält in ihrem Schlafzimmer Nachtruhe. Neben den Eltern leben auch drei Kinder auf dem Anwesen am Ortsrand. Dann geschieht das Unfassbare: Keine 50 Meter entfernt reißen mehrere Wölfe ein Schaf und eine Ziege. Zwei weitere Tiere sind verschwunden. Vom Angriff bekommen die Schulzens eigenen Angaben zufolge nichts mit. Die Hunde hätten zwar angeschlagen. „Aber wir gehen dann nicht jedes Mal nach draußen. Manchmal bellen sie auch, wenn ein Igel über den Hof läuft“, begründet Michael Schulz.„Erst als ich morgens hinaus gelaufen bin, sah ich die Kolkraben fliegen. Da habe ich gleich gewusst, dass etwas nicht stimmt.“ Das Tor vom Gatter stand offen, auf der dahinter befindlichen Wiese stieß der Eigentümer auf die Überreste seiner Tiere. Lediglich ein paar Knochen, Fell- und Fleischreste lagen im Gras. Das Besondere: „Eines der Schafe muss dem Wolf schon zum zweiten Mal in die Augen geblickt haben“, erzählt Michael Schulz. „Denn im Jahr 2013 holte sich der Graupelz ihr Junges.“ Das Muttertier sei damals mit dem Leben davongekommen.

Der Wolfsbeauftragte des Landkreises Bautzen, Hagen Rothmann, bestätigt indes den neuerlichen Fall: „Da sowohl eine Ziege als auch ein Schaf weggeschafft wurden, liegt es wohl nahe, dass es zwei Wölfe gewesen sein könnten.“ Ob es aber tatsächlich mehrere Raubtiere waren, habe sich anhand der Spuren nicht feststellen lassen.

Sorgen macht sich Michael Schulz indes nicht nur um seine übrig gebliebenen Thüringer Wald-Ziegen. Sondern vor allem um seine drei Kinder. „Wir sind extra hierher aufs Land gezogen, damit sie unbeschwert aufwachsen können. Und nun das.“ Klar, dass nach den Angriffen reichlich Tränen flossen. „Wir haben ihnen nicht die wahre Geschichte erzählt“, sagt Schulz. Stattdessen habe der Vater seinem Nachwuchs erklärt, dass der Wolf auch Junge habe, die Hunger hätten, die Futter bräuchten. Allerdings: Erst im Frühsommer ist tatsächlich mit Wolfsnachwuchs zu rechnen. Jedenfalls beeinträchtigten die Wolfsangriffe die Lebensqualität auf dem Lande. „Sollen wir denn immer ins Haus gehen, sobald es dunkel wird?“, fragt sich Schulz.

Auch die beiden ungeborenen Zicklein wurden ein Opfer der Wölfe. Foto: privat
Auch die beiden ungeborenen Zicklein wurden ein Opfer der Wölfe. Foto: privat FOTO: privat

Obwohl die Familie ihre Haustiere mit einem 1,60 Meter hohen Knotengeflechtzaun, der darüber hinaus in die Erde eingraben ist, schützt, reichen diese Maßnahmen wohl nicht mehr aus. „Die bisherige Erfahrung sagt, dass solche Zäune hin und wieder überklettert werden. Hier hilft Flatterband, das als stromloses und besser noch stromführendes Band rund 20 Zentimeter über der Zaunoberkante angebracht wird“, rät Hagen Rothmann. Dadurch werde die Umzäunung optisch erhöht. Im Falle einer Stromführung erhalte der Wolf einen Schlag, den er seinen Lebtag nicht mehr vergessen dürfte. Dadurch setze ein Lerneffekt ein.

Michael Schulz gibt an, dass ein Tor des Gatters beim Auffinden der Risse offen stand. Allerdings sei ein Riegel abgebrochen. Laut Hagen Rothmann können Wölfe Zäune überklettern oder untergraben, keinesfalls wüssten sie aber, wie Tore zu öffnen sind.

Dass sich die Raubtiere manchmal direkt in die Dörfer wagen, sei indes normal. „Wölfe halten sich dort auf, wo es Beute gibt“, sagt der Experte. Nicht zuletzt erscheinen immer mal wieder auch Rehe und Wildschweine in den Siedlungen. Zudem seien die Graupelze in der Vergangenheit durch ungeschützte, beispielsweise angepflockte Schafe zum Erfolg gekommen. Daher müsse damit gerechnet werden, dass sich Wölfe auch weiterhin gelegentlich in der Nähe von Dörfern aufhalten. „Dies allein stellt keine Verhaltensabnormalität her“, stellt Hagen Rothmann klar. Im Coseler Fall handele es sich höchstwahrscheinlich um Tiere des Königsbrücker Rudels. Dieses lebe auf und um den früheren Truppenübungsplatz Königsbrücker Heide.

Von Jahresbeginn 2018 bis Mitte März sind nach Angaben des Kontaktbüros „Wölfe in Sachsen“ bereits 18 Meldungen, davon elf im Landkreis Bautzen, über getötete, verletzte oder vermisste Nutztiere eingegangen (Vergleichszeitraum 2017: acht Fälle). In zehn Fällen innerhalb des Freistaates wurde der Wolf als Verursacher festgestellt beziehungsweise konnte nicht ausgeschlossen werden. Im gesamten Jahr 2017 gab es 106 Meldungen über Wolfsangriffe auf Nutztiere. In 66 dieser Fälle konnten die Graupelze als Verursacher identifiziert werden.

Michael Schulz werde zwar eine Entschädigung für seine verlorenen Tiere in Aussicht gestellt. Aber mit dem sächsischen Wolfsmanagement ist der Coseler, der auch als Jäger tätig ist, nicht zufrieden. „Ich bin grundsätzlich kein Wolfsgegner. Aber die Lausitz ist mit diesen Tieren sehr dicht besiedelt. Die Bürger sollen wenigstens erfahren, wie viele Graupelze hier tatsächlich leben. Und wenn es zu viele sind, muss halt eingegriffen werden.“ In Sachsen unterliegen Wölfe zwar dem Jagdrecht, sie sind aber ganzjährig geschont.