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Attacke im Mutterkuhstall
Wolf reißt Kälbchen im Stall

Nach dem Wolfsübergriff im Lindenauer Kuhstall herrscht auch noch Tage danach große Unruhe in der Herde. Andreas Kupfer will seine Tiere  vor den hungrigen Wölfen schützen. Den Stall mit Auslauf gänzlich abzuriegeln, widerspricht aus seiner Sicht aber einer artgerechten Haltung.
Nach dem Wolfsübergriff im Lindenauer Kuhstall herrscht auch noch Tage danach große Unruhe in der Herde. Andreas Kupfer will seine Tiere  vor den hungrigen Wölfen schützen. Den Stall mit Auslauf gänzlich abzuriegeln, widerspricht aus seiner Sicht aber einer artgerechten Haltung. FOTO: Steffen Rasche
Lindenau. Wolfsübergriff in Lindenau mit neuer Qualität. Frauendorfs Tierwirte geschockt: Raubtier schlägt nicht mehr nur auf den Koppeln zu, sondern jetzt auch im Stall mit 250 Mutterkühen. Von Andrea Budich

An Wolfsattacken gegen Schafe und Rinder auf der Weide haben sich Brandenburgs Tierhalter gewöhnt. Erst im letzten Sommer hatte sich Isegrim ein frisch geborenes Kalb aus dem Bestand der Agrargenossenschaft Elster/Pulsnitz Frauendorf von einer Koppel bei Tettau rausgezerrt. Doch jetzt wird das Raubtier immer dreister: In Lindenau ist ein Wolf des Nachts in den Stall mit 250 Mutterkühen und knapp 100 Kälbern eingedrungen und hat ein Kälbchen gerissen. Landwirt Andreas Kupfer ist als Chef der Rinderproduktion zutiefst beunruhigt und in Sorge. „Wenn der Wolf hier rumstromert, wird er wieder zuschlagen“, befürchtet er erneute Übergriffe auf seine Tiere.

Als Tierpfleger Karsten Haschenz zu Schichtbeginn morgens um 5.30 Uhr die Stalltüren aufschließt und Licht anmacht, herrscht ein ziemliches Durcheinander in den Buchten. Die Tiere sind unruhig, aggressiv, brüllen und drängen sich aneinander. Den Grund dafür bemerkt Karsten Haschenz dann auf den zweiten Blick: Ein Wolf steht mitten auf dem Futtertisch. Der gibt Sekunden später Fersengeld und haut ab in unbekannte Richtung.

Zurück bleibt eine Blutspur mit zerstreuten Innereien auf dem Mittelgang und ein zwei Tage altes totes Kälbchen in einer nahegelegenen Stallbox. Die rechte Flankenseite des Kalbes ist angefressen.

Dass sich der Wolf ein Kälbchen ausgesucht hat, dass krank war und von einer erstgebärenden Jungkuh gekalbt worden war, verwundert Karsten Haschenz indes nicht. „Das lebensschwache Kalb neben der Färse mit noch nicht vollständig ausgeprägtem Mutterinstinkt war eine leichte Beute“, erklärt er.

Weil der herbeigerufene Rissgutachter des Landesamtes für Umwelt vor Ort keinen Tötungsbiss feststellen kann, kommt das Kalb zur weiteren Untersuchung in das Landeslabor Berlin-Brandenburg. Der genaue Untersuchungsbericht wird noch erwartet, bestätigt Pressesprecher Thomas Frey. Fest stehe aber, dass der eigentliche Verursacher der Bissverletzung durch die Sektion im Landeslabor nicht zu klären sei. Am Kadaver wurden Abstrichproben entnommen, die in die genetische Auswertung gehen. Die Ergebnisse dazu liegen noch nicht vor.

Für Genossenschafts-Chef Walter Beckmann ist der von seinem Mitarbeiter gesehene Wolf im Stall nichtsdestotrotz eine neue Qualität. Forderungen, die Ställe gänzlich als Schutzmaßnahme vor dem Wolf zu verriegeln und zu verrammeln, hält Tierproduktions-Leiter Andreas Kupfer „für großen Quatsch“. „Kühe brauchen frische Luft, Sonne und Licht, deswegen haben wir den Stall mit Auslauf“, begründet er. Den Stall dicht zu machen, widerspreche einer artgerechten Haltung.

Angst macht sich in Lindenau aber auch breit, weil der vom Wolf heimgesuchte Kuhstall nicht irgendwo abseits liegt, sondern gleich neben den ersten Häusern am Dorfrand.

So hat Landwirt Karsten Haschenz das Kalb mit angefressener rechter Flankenseite in einer Stallbox des Mutterkuhstalls morgens aufgefunden.
So hat Landwirt Karsten Haschenz das Kalb mit angefressener rechter Flankenseite in einer Stallbox des Mutterkuhstalls morgens aufgefunden. FOTO: Andreas Kupfer