| 18:19 Uhr

Wo sind Specht & Co. bloß geblieben?

Der Vogelfreund Werner Blaschke zählt an diesem Wochenende wieder. Ob er einen Buntspecht! entdeckt, ist fraglich.
Der Vogelfreund Werner Blaschke zählt an diesem Wochenende wieder. Ob er einen Buntspecht! entdeckt, ist fraglich. FOTO: Augustin/Frank Derer
Lauchhammer/Calau. Wo sind Amsel, Meise und Sperling bloß geblieben? Diese Frage stellen sich Vogelfreunde nicht nur aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis immer öfter. Aufschluss geben kann die Stunde der Wintervögel an diesem Wochenende. Jan Augustin

Dick eingepackt in warme Wintersachen und mit einem professionellen Fernglas ausgerüstet legt sich Werner Blaschke an diesem Wochenende wieder auf die Lauer. Der Vogelfreund aus Lauchhammer wird in seinem Schrebergarten seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Vögel beobachten und zählen. Bis Sonntag schlägt die bundesweite "Stunde der Wintervögel". Zum siebten Mal hat der Naturschutzbund (Nabu) zu der großen Mitmachaktion aufgerufen und lädt Naturfreunde ein, eine Stunde lang die Vögel im Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zu zählen. Ziel ist, dass möglichst viele Menschen Daten sammeln. Fachleute leiten daraus wichtige Informationen zur Entwicklung der heimischen Vogelbestände ab. Die Langzeitstudie soll Hinweise zum Schutz der Artenvielfalt liefern.

Ob die Teilnehmer der Aktion dabei vor vieler Arbeit ins Schwitzen kommen, ist fraglich. Denn die gefiederten Freunde sind immer seltener zu sehen. Das bestätigt der Geschäftsführer vom Nabu Calau, Bernd Elsner: "Viele besorgte Vogelfreunde rufen bei uns an, weil zurzeit viele Gartenvögel nicht an den angestammten Futterstellen gesichtet werden", teilt er auf Nachfrage mit. Der Trend sei aber deutschlandweit zu beobachten und die Ursachen noch nicht endgültig bekannt. "Die allgemein bekannten schlechten Brutergebnisse aus dem Jahr 2016 und somit ein Fehlen von Nachwuchs könnte eine Ursache sein", erklärt Elsner. Die unbeständige Witterung und der generelle Mangel an Nahrung machen der Vogelwelt zu schaffen. Nahezu alle Singvögel sind in der Fortpflanzungsphase auf Insektennahrung angewiesen. "Unsere monotonen, blütenarmen Landschaften und der Einsatz chemischer Mittel in Land- und Forstwirtschaft leisten auch ihren Beitrag. Im Allgemeinen werden jedoch die schlechten Brutergebnisse in Folgejahren ausgeglichen, solange wir ihnen eine intakte Umwelt bieten", sagt der Nabu-Mann.

Auch Werner Blaschke muss mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung feststellen: "Es werden immer weniger." Eindeutig belegen könne er das zwar nicht, den Schluss ziehe er aber ob seiner eigenen Beobachtung. Beispiel Grünfinken: "Vor Jahren gab es zu dieser Zeit riesige Schwärme. Wenn man jetzt einen Grünfink sieht, ist das eine Ausnahme."

Auch die Zahl der Sperlinge sei rückläufig. Werner Blaschke führt das unter anderem auf die vielen modernisierten Eigenheime zurück, die keine Unterschlupfmöglichkeiten mehr bieten. "Wir haben alles schön gemacht, aber dem Sperling kann das nicht gefallen", sagt der mit seinen 84 Jahren erstaunlich mobile Vogelexperte.

Werner Blaschke beteiligt sich nicht nur an der Winter- und Maizählung, er ist auch als der Storchenvater im Süden des Kreises bekannt.

Der einstige Biologielehrer hilft bei einer internationalen Wasservogelzählung in den Restseen in Lauchhammer, er beteiligt sich an einem Monitoring für Brutvögel, und er untersucht seit 1971 eine Bergbaufolgefläche ornithologisch.

Für den OSL-Kreis und den Nabu ist er als ehrenamtlicher Naturschutzhelfer unterwegs. "Langeweile habe ich nicht. Es hält Körper und Geist in Schwung", sagt Werner Blaschke, der bei der Stunde der Wintervögel an diesem Wochenende neben dem wissenschaftlichen Aspekt noch ein anderes wichtiges Ziel erkennt: "Die Aktion fordert die Leute mal wieder auf, sich mit der Natur zu beschäftigen."

www.stundederwintervoegel.de

Zum Thema:
Die siebte "Stunde der Wintervögel" findet seit gestern und noch bis Sonntag statt. Wer möchte, kann sich informieren und sich mit der praktischen Nabu-Zählhilfe ausstatten, die es im Internet unter www.stundederwintervoegel.de gibt. Die Zahlen trägt der Teilnehmer entweder in ein Online-Formular oder gibt sie am 7. und 8. Januar zwischen 10 und 18 Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 0800 1157115 durch. Im Januar 2016 hatten deutschlandweit mehr als 93 000 Vogelfreunde teilgenommen, davon etwa 5400 aus Brandenburg und 180 aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Hier sind im Vorjahr laut Naturschutzbund 5938 Vögel in 119 Gärten gezählt worden. 2015 wurden 3231 Vögel von 98 Vogelfreunden gezählt. Sperlinge, Meisen und die Amsel sind im OSL-Kreis und deutschlandweit am häufigsten anzutreffen.