Wie einer Fantasiewelt entsprungen, so wirken die Biotürme Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz), wenn man zum ersten Mal vor ihnen steht. Wer ihre Geschichte nicht kennt, mag an Überbleibsel alter Burganlagen denken, an Schornsteine oder Kunst. Doch die Objekte, die sich direkt an der Finsterwalder Straße gut 22 Meter in die Höhe strecken, sind „Turmtropfkörper“. Als letzte Relikte zeugen die 24  Türme, die in sechs Vierergruppen angeordnet sind, von der einstigen Braunkohle-Großkokerei.

Im Verhältnis zur gewaltigen Kokerei-Anlage waren die Biotürme nur ein kleines Detail. „Aber ein wichtiges“, erklärt Dr. Konrad Wilhelm, Vorsitzender des Traditionsvereins Braunkohle Lauchhammer e.V., dessen Leben eng mit der Kokerei verknüpft ist.

Dort begann er 1966 seine Elektriker-Lehre, leitete 1986 als Diplomingenieur für Elektrotechnik die Produktionssicherheit der Braunkohleveredlung Lauchhammer und wurde 1989 vom dritten Stellvertreter plötzlich zum Betriebsdirektor ernannt. „Nach der Teilung Deutschlands verfügte die junge DDR über keine nennenswerten Steinkohlevorkommen, diese lagen alle im Westen Deutschlands. Die hier vorhandene Braunkohle reichte wegen ihres geringen Brennwertes nicht aus, um in der Hüttenindustrie eingesetzt zu werden. Die war aber dringend nötig, um eigene Grundstoffe zu produzieren, Stahl zum Beispiel. Also sollte hier die erste Braunkohlenhochtemperatur-Kokerei der Welt entstehen“, fasst Konrad Wilhelm kurz zusammen. Er wurde geboren, als der Grundstein für die Anlage gelegt wurde. Und nach nur acht Monaten Bauzeit verwandelte die erste von insgesamt 24 Ofeneinheiten ab dem 14. Juni 1952 Braunkohlebriketts in hüttenfähigen Hochtemperaturkoks (BHT-Koks). „Der bildete die Grundlage für die Grundstoffindustrie in der DDR.“

Pionierleistung Biotürme

Bei der Herstellung wurden die Briketts langsam auf eine Temperatur von 1200 Grad erhitzt, wobei die flüchtigen Bestandteile wie Wasser, Öle, Teer und Gas entzogen und weiter verarbeitet wurden. Dann mussten die Koksbriketts langsam wieder abgekühlt werden. Dr. Wilhelm erklärt: „Die dabei entstandenen Abwässer hatten einen Phenolgehalt von mehr als 20 mg/l, der in dieser Konzentration giftig war, in Gewässern zu Fischsterben führen würde und nicht in die Umgebung abgeleitet werden durfte.“ Deshalb besannen sich Wissenschaftler auf die Entwürfe biologischer Kleinkläranlagen und bauten 1955 die Biotürme „Es gab keine Testphase“, betont Wilken Straatmann, Geschäftsführer der Biotürme Lauchhammer gGmbH. „Die erste biologische Großanlage Europas zur Reinigung von Phenoldünnwässern aus der Kohleindustrie ging 1959 hier in Betrieb.“

Gift als Futter für Bakterien

Für den biologischen Reinigungsprozess wurde das phenolhaltige Abwasser zuerst in einem Mischbecken mit Wasser verdünnt und mit Phosphorsäure vermengt. Dann musste dieses Phenoldünnwasser unterirdisch zu den Turmgruppen gepumpt werden. Im Inspektionstreppenhaus, an das die vier Turmtropfkörper angeschlossen sind, führt ein großes Stahlrohr auch heute noch die 22 Meter hinauf bis zum Dach der Anlage. Von dort aus wurde das Abwasser durch kleinere Rohre in die Schlote verteilt. Diese bildeten den Rahmen für die lose aufgeschichteten Schlackensteine im Inneren. „Sie sind das eigentliche Geheimnis“, verrät Dr. Wilhelm. „Auf die Hochofenschlacke wurden Mikroorganismen aufgebracht, die sich von ringförmigen Kohlenwasserstoffen wie Phenol ernähren. Sterben die Bakterien, setzen sie sich als Schlamm ab.“

Die schlammbesetzte Schlacke wirkte wie ein Schwamm. Das Wasser tropfte nur langsam durch und verlor auf diese Weise 40 Prozent der Phenole. Um die übrigen 60 Prozent kümmerte sich die Belebtschlammanlage. Das 71 Meter lange und fast sechs Meter tiefe Becken existiert ebenfalls noch. Dorthin wurde das vorgereinigte Wasser aus den Biotürmen gepumpt. Dann machten sich erneut Mikroorganismen an die Arbeit und bauten die Schadstoffe ab. Der Schlamm setzte sich ab und diente später u.a. als Bodendünger. Das gereinigte Wasser konnte in die in die Vorflut abgegeben werden.

Übler Geruch bei Reinigunng

Weil die einzelnen Schlot-Gruppen mit den jeweils vier Turmtropfkörpern aus der Vogelperspektive wie die seltenen Glücksbringer aussehen, werden sie auch „Kleeblätter“ genannt. „Allerdings empfanden die Bewohner diesen Teil der Anlage eher als Last“, erinnert sich Dr. Wilhelm. „Denn je dünner und damit reiner das Wasser wurde, desto schlimmer war der Gestank. Für Außenstehende war das schwer nachvollziehbar. Beim biologischen Reinigungsprozess entstehen u.a. Schwefelverbindungen, die vor allem durch ihren üblen Geruch auffallen.“ So war die Existenz der Biotürme allgegenwärtig. „Das Verständnis in der Region war dementsprechend gering, als bekannt wurde, dass nach der Schließung und dem Abriss des Werkes ausgerechnet diese Turmtropfkörper erhalten bleiben sollten“, weiß auch Wilken Straatmann. Die Großkokerei mit 24 Ofeneinheiten, 16 Kokskühlern und insgesamt mehr als 2040 Beschäftigten schloss am 30. Oktober 1991 aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen für immer ihre Tore. Die Biotürme arbeiteten noch bis 2002, um das kontaminierte Grundwasser zu reinigen. Seit 1996 stehen sie unter Denkmalschutz und zeugen von der Pionierleistung dieser biologischen Reinigungsanlage.

Das Industriedenkmal


Nach umfangreicher Sanierung, bei der u.a. die gläsernen Besucherkanzeln angebaut wurden, eröffnete das Industriedenkmal 2008 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung. „Mittlerweile ist die Akzeptanz unter der Bevölkerung groß“, sagt Dr. Konrad Wilhelm. 35 aktive Mitglieder des Traditionsvereins Braunkohle, die ebenfalls eng mit dem Werk verbunden sind, bieten regelmäßig Führungen an.

Wer die 120 Stufen im Besucherturm erklimmt, erhält vom Dach aus einen fantastischen Blick über das Land und in das Innere der Schlote. „Die sind immer noch mit den Schlackensteinen gefüllt“, sagt Geschäftsführer Wilken Straatmann. Farne und Gräser wachsen auf den einstigen Reinigungswundern.

Mehr als 2000 Besucher kommen pro Jahr auf die Anlage, um zu erfahren, was es mit den markanten Bauten auf sich hat. „Leider haben wir kein geeignetes Gebäude, um eine richtige Ausstellung präsentieren zu können“, bedauert der Geschäftsführer der Biotürme Lauchhammer gGmbH. „Damit würden wir noch mehr Gäste erreichen, um diese erzählenswerte Geschichte am Leben zu erhalten.“