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| 17:55 Uhr

Wirtschaft in der Lausitz
Vorteil für Schwarzheide im europäischen Batterie-Poker

 Jürgen Fuchs (r.), Vorstandsvorsitzender der BASF Schwarzheide GmbH und Dr. Colin von Ettingshausen, BASF-Arbeitsdirektor.
Jürgen Fuchs (r.), Vorstandsvorsitzender der BASF Schwarzheide GmbH und Dr. Colin von Ettingshausen, BASF-Arbeitsdirektor. FOTO: LR / Jan Siegel
Schwarzheide. BASF-Vorstandsvorsitzender Jürgen Fuchs (r.) und sein Arbeitsdirektor Colin von Ettingshausen wissen mehr zum Einstieg ihrer Firma ins Batteriegeschäft als sie bei der Jahrespressekonferenz in Schwarzheide verraten dürfen. Warum der Standort in der Westlausitz besonders gute Chancen hat. Von Jan Siegel

Bis 2030 sollen möglichst 30 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Batteriezellen aus deutscher und europäischer Produktion geliefert werden. Das ist das Ziel der Europäischen Union, das Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) seit Monaten mit Nachdruck unterstützt. Er will die Zellfertigung und -forschung nach Deutschland holen. Es geht um Milliarden-Investitionen.

Hinter den Kulissen läuft ein verbissener Poker um künftige Standorte für die Forschung und die Produktion der Zellen. Dabei hat die Lausitz sehr gute Karten auf der Hand. Ein Grund dafür ist die BASF Schwarzheide.Dort kommen einige Vorteile zusammen, die andernorts fehlen.

Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte am Donnerstag dem Handelsblatt, dass neben den großen deutschen Autoherstellern BMW, VW sowie der französische PSA-Konzern mit seiner deutschen Tochtergesellschaft Opel auch die BASF eine Batteriezellen-Förderung in Anspruch nehmen wollen. Altmaier hatte im vergangenen November eine Milliarde Euro bis 2021 als Anschubhilfe in Aussicht gestellt. Die Unternehmen sollten ihre Anträge bis Jahresende einreichen. Da das Interesse aus der Industrie fehlte, wurde die Frist später bis zum 15. März verlängert.

Die BASF-Schwarzheide drückt als Teil des weltgrößten Chemiekonzerns jetzt richtig aufs Gas, wenn es um den Ausbau des Südbrandenburger Standortes geht. Dabei scheint das Motto zu sein „Nicht kleckern, sondern klotzen!“ Daran haben Vorstandsvorsitzender Jürgen Fuchs und sein Arbeitsdirektor Colin von Ettingshausen bei einer Jahrespressekonferenz im BASF-Kulturhaus am Mittwoch nicht die Spur eines Zweifels gelassen. Der Konzern betrachtet Schwarzheide als Zukunftsstandort mit erheblichem Wachstumspotenzial.

„Unsere Aufgabe als Unternehmen ist es, den Wandel in der Lausitz nachhaltig mitzugestalten und den Standort für die Zukunft aufzustellen“, sagte Jürgen Fuchs. Und dabei wollen sich er und seine Führungscrew nicht nur mit einzelnen Vorzeigeprojekten begnügen. Fuchs dreht an gleich mehreren großen Stellschrauben, von denen mindestens eine für internationale Aufmerksamkeit sorgen dürfte.

 Batteriezellen: Die BASF könnte auch in Schwarzheide in den Milliardenmarkt der Batteriechemie einsteigen. Damit wäre sie das erste deutsche Unternehmen, das sich offensiv zur europäischen Batterie-Initiative von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bekennt. Andere Konzerne, beispielsweise aus der Automobilindustrie, scheuten bisher vor den enormen Anfangsinvestitionen zurück.

Noch ist eine Standort-Entscheidung für Schwarzheide nicht gefallen. Jürgen Fuchs rechnet damit in den nächsten Monaten.

 Batteriezellen. So unspektakulär sehen Lithium-Ionen-Batteriezellen aus. Es sind flache silbern schimmernde Platten.
Batteriezellen. So unspektakulär sehen Lithium-Ionen-Batteriezellen aus. Es sind flache silbern schimmernde Platten. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / BTU Cottbus Senftenberg

Gleich mehrere Voraussetzungen könnten für die Lausitz sprechen. BASF hatte im Oktober 2018 bekannt gegeben, eine erste Anlage für Batteriematerialien für den europäischen Markt im finnischen Harjavalta aufbauen zu wollen. Für eine zweite Produktionsanlage zur Weiterverarbeitung des Materials aus Finnland prüft die BASF-Gruppe offiziell noch mehrere Produktionsstandorte, darunter auch Schwarzheide. Das hatte ein BASF-Sprecher damals bereits bestätigt. Einiges deutet darauf hin, dass das Werk in Schwarzheide zu den Favoriten gehört.

Dort könnte der Aufbau einer Produktion für Lithium-Kathoden entstehen. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil von Lithium-Ionen-Batteriezellen, den derzeit meistverbauten Zellen weltweit. Das wäre nach Einschätzung von Fachleuten eine Investition im dreistelligen Millionenbereich.

Einer der wichtigsten Rohstoffe dafür findet sich ganz in der Nähe, im Erzgebirge. Eine grenzüberschreitende Lagerstätte in Zinnwald/Cinovec zählt nach Angaben des Sächsischen Oberbergamtes zu den größten Lithium-Lagerstätten in Europa. Seit dem Jahr 2011 hatte die Deutsche Lithium GmbH Freiberg den deutschen Teil der Lagerstätte erkundet und war zum Ergebnis gekommen, das dort etwa 125 000 Tonnen Lithium gewonnen werden könnten. Damit ist nach Einschätzung der Fachleute ein Untertage-Abbau für mehr als 30 Jahre möglich.

 Revolutionäre Energieversorgung: Während das Batterie-Vorhaben für Schwarzheide vorläufig noch in der Schwebe ist, soll der Standort infrastrukturell schon enorm aufgerüstet werden. Vorstand Jürgen Fuchs und sein Team planen eine zukunftsweisende Energieversorgung.

Dabei wird nicht nur das Kraftwerk mit 70 Millionen Euro für mehr Effizenz auf- und umgerüstet. Fuchs will 350 Megawatt Wind- und Sonnenstrom, der im unmittelbaren Umfeld des Werkes erzeugt wird, direkt ins BASF-Netz einspeisen. Ein riesiger Batteriespeicher soll dabei als Strompuffer dienen. So wollen die Schwarzheider weiteren Ansiedlungs-Interessenten unschlagbar günstige Energiepreise bieten.

Das Chemieunternehmen setzt dabei auf Nachhaltigkeit. Stoffkreisläufe sollen so verändert werden, dass keine Abfälle zurückbleiben.

 Hochleistungs-Dämmstoff: Eine Produktionslinie für einen neuen Hochleistungs-Dämmstoff entsteht, und dabei ist auch noch das Ziel, die Gesamtprozesse CO2-neutral zu gestalten.

 Logistik-Drehkreuz: Parallel laufen die Planungen für ein neues, riesiges Logistik-Terminal für den kombinierten Verkehr auf Straße und Schiene.

Der weltweit operierende Logistiker Bertschi soll dort federführend sein, um die Möglichkeiten der im Herbst eingeweihten Niederschlesien-Magistrale auszuschöpfen. Sie ist Teil des vor allem von China vorangetriebenen Projektes „Neue Seidenstraße“, das Europa mit dem Reich der Mitte verbindet.

Alles in allem nennt Vorstandsvorsitzender Jürgen Fuchs am Mittwoch insgesamt fünf große Baustellen, auf denen die BASF in Schwarzheide ab diesem Jahr insgesamt dreistellige Millionensummen investieren will.

 Fachkräftesicherung: Eine der größten „Baustellen“ für den Standort und die ganze Region ist für Arbeitsdirektor Colin von Ettingshausen aber die „Mannschaft“. Knapp 2000 Mitarbeiter beschäftigt allein die BASF in Schwarzheide. Zusammen mit Dienstleistern und weiteren Partnern sind am Standort rund 3500 Menschen beschäftigt.

 Ausbildung wird groß geschrieben bei der BASF Schwarzheide. Das Unternhemen bildet Chemikanten, Chemielaboranten, Mechatroniker, Industriemechaniker, Elektroniker für Automatisierungstechnik und Notfallsanitäter aus. In einem Leistungszentrum Lausitz soll das Ausbildungsspektrum bald noch breiter werden.
Ausbildung wird groß geschrieben bei der BASF Schwarzheide. Das Unternhemen bildet Chemikanten, Chemielaboranten, Mechatroniker, Industriemechaniker, Elektroniker für Automatisierungstechnik und Notfallsanitäter aus. In einem Leistungszentrum Lausitz soll das Ausbildungsspektrum bald noch breiter werden. FOTO: BASF Schwarzheide GmbH / BASF

„Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung haben wir in größerem Umfang Stellen zu besetzen“, sagt von Ettingshausen. Die Zahlen allein in diesem Jahr lägen im dreistelligen Bereich. Die BASF startet daher eine neue Job- und Imagekampagne, um den Lausitzer Standort auch außerhalb der Region bekannt zu machen. Unter dem Titel „Mach ich!“ sollen nicht nur Berufseinsteigern Karrieremöglichkeiten aufgezeigt werden.

Dabei setzt der Arbeitsdirektor auch auf flexiblere Arbeitszeitmodelle, auf die vor allem jüngere Menschen heute viel größeren Wert legten als noch vor einigen Jahren. Wie die Modelle in die Anforderungen eines Produktionsbetriebes integriert werden, werde in Pilotbetrieben getestet.

 Planzeichnung für das künftige Leistungszentrum Lausitz in Schwarzheide.
Planzeichnung für das künftige Leistungszentrum Lausitz in Schwarzheide. FOTO: LR / Siegel