ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:59 Uhr

Atlas kauft Großräschener Firma - Staatsanwaltschaft ermittelt noch
Starz startet nach Wirtschaftskrimi neu durch

Mit diesem Team hat der Großräschener Kabelkonfektionierer Starz am Mittwoch den Neuanfang unter neuem Eigentümer gestartet.
Mit diesem Team hat der Großräschener Kabelkonfektionierer Starz am Mittwoch den Neuanfang unter neuem Eigentümer gestartet. FOTO: Steffen Rasche
Großräschen. Der Kabelbaumproduzent Starz aus Großräschen ist von der Atlas-Gruppe übernommen worden. Am Mittwoch nahm ein kleines Team die Arbeit wieder auf. Alles gut? Mitnichten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Von Jan Augustin

Der Plot für den Wirtschaftskrimi ist schnell erzählt: Eine internationale Investmentfirma übernimmt eine insolvente Firma in der ostdeutschen Provinz, zahlt den Kaufpreis aber nie und treibt das Unternehmen weiter in den Ruin. Opfer sind vor allem die Mitarbeiter, die seit Monaten auf ihre Löhne warten. Die Hoffnung hat jetzt ein Retter gebracht, der einen Neuanfang wagt. Es geht um die Firma Starz Bordnetze GmbH in Großräschen.

Und so ist der Lausitzer Wirtschaftskrimi im letzten halben Jahr tatsächlich geschrieben worden:   Das Unternehmen Starz war bis vor einiger Zeit einer der führenden Hersteller von Kabelsätzen für Sonderfahrzeuge. Die Produkte werden insbesondere in Bau-, Land- und Forstmaschinen und in Feuerwehrfahrzeugen verbaut. Neben Großräschen gibt es Standorte in Polen, Tunesien und China. Weltweit soll die Starz-Gruppe 720 Mitarbeiter beschäftigen. Im Jahr 2012 ist das Großräschener Unternehmen mit dem Brandenburger Zukunftspreis ausgezeichnet worden. Entstanden war die Firma 1990 aus dem volkseigenen Betrieb Plasticart. Nach dem Tod von Karl Starz hatten Andreas Kehrel und seine Ehefrau Brigitte Kehrel das Unternehmen im Jahr 2000 gekauft und zu einem Vorzeigebetrieb gemacht.

Doch das ist er schon seit einiger Zeit nicht mehr. Mehrere Mitarbeiter und ehemalige Beschäftigte bestätigen das gegenüber dieser Zeitung. Vorläufiger Tiefpunkt ist die im Januar dieses Jahres angezeigte Insolvenz. Hoffnung keimt in Großrä­­schen auf, als drei Monate später der Einstieg der in Kopenhagen firmierenden NorthCapital Holding ApS vermeldet wird. Nach eigenen Angaben operiert die Investmentgesellschaft mit Edelsteinen, Öl und Gas. Ein Geschäftsbereich sei aber auch der Kauf von finanziell angeschlagenen Firmen und deren Ausbau zu profitablen Unternehmen.

Das sei auch der Plan für Starz in Großräschen gewesen, beteuert Klaus Herb, Geschäftsführer der deutschen Holding-Tochter NorthCapital Kontor, noch vor einem Monat. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Starz-Gruppe so aufzustellen, dass sie heute und in Zukunft wieder zuverlässig und profitabel arbeiten kann“, sagt er damals. Die finanzielle Schieflage von Starz sei das Ergebnis einer „zu frühen und forcierten Expansionsstrategie“ gewesen. So sei der Eintritt in den chinesischen Markt viel kostenintensiver gewesen als geplant. Der Standort in Großräschen mit seinen 130 Mitarbeitern sei jedoch attraktiv und soll als Kompetenzzentrum aufgebaut werden, betont er Mitte Oktober. Heute ist Klaus Herb nicht mehr für eine Stellungnahme erreichbar. Stattdessen reagiert eine im schweizerischen Cham ansässige Rechtsanwältin auf die Anfrage der Lausitzer Rundschau. Sie vertrete jetzt die Interessen der NorthCapital. Statt einer Erklärung für die aktuelle Situation abzugeben, fordert sie die Redaktion (vergeblich – d.R.) dazu auf, Statements, Behauptungen oder Publikationen ihr vor Veröffentlichung zur Genehmigung vorzulegen.

Bei den Starz-Mitarbeitern ist die Stimmung zu diesem Zeitpunkt längst auf dem Tiefpunkt angelangt. Erst ist der Juli-Lohn nicht, verzögert oder nur teilweise gezahlt worden, dann geht das traurige Spiel im August, September und Oktober weiter. Betroffen sind auch viele Ehepaare, die in der Firma arbeiten. Viele machen von ihrem Zurückbehaltungsrecht Gebrauch, andere melden sich krank, später arbeitslos. Was bleibt, ist der Weg zum Arbeitsgericht. Mittlerweile sind etwa 100 Verfahren anhängig. Da die Beklagten nicht zu den Verhandlungen erscheinen, spricht die Senftenberger Arbeitsrichterin Lore Seidel mehrere Versäumnisurteile aus, in denen die Beklagten zur Zahlung ausstehender Arbeitsentgelte aufgefordert werden.

Ob die Mitarbeiter je ihren Lohn sehen werden, ist fraglich. Mittlerweile haben sich die Gerüchte als wahr erwiesen, dass die NorthCapital den Kaufpreis trotz eines notariell beglaubigten Vertrages mindestens bis Oktober nicht bezahlt hat. Das bestätigt die für Wirtschaftskriminalität zuständige Cottbuser Oberstaatsanwältin Elvira Klein. Nachdem das Landeskriminalamt Brandenburg wegen des Verdachtes auf Insolvenzverschleppung gegen die Geschäftsführung der Starz Bordnetze GmbH ermittelt hat, ist nun die Cottbuser Staatsanwaltschaft federführende Behörde.

Warum es so weit kommen musste, ist unklar. Die vom Amtsgericht Cottbus bestellte Insolvenzverwalterkanzlei White & Case hüllt sich in Schweigen. Mehrere telefonische und schriftliche Anfragen der RUNDSCHAU bleiben unbeantwortet. Stattdessen rühmt sich die Kanzlei auf ihrer Internetseite noch immer damit, dass es ihr gelungen ist, die Starz-Gruppe mit ihren ausländischen Gesellschaften an NorthCapital verkauft zu haben. Starz und seinen Mitarbeitern werde eine verdiente zweite Chance gegeben. „Ein Gewinn auch für die Lausitz“, wird Insolvenzverwalterin Bettina Schmudde zitiert. Auch der Hauptgeschäftsführer der NorthCapital Holding, Werner Schmidt, kommt hier zu Wort: „Wir investieren hier in ein Unternehmen, das im Kern profitabel ist. Der Bekanntheitsgrad und der exzellente Ruf der Starz-Gruppe bei den namhaften, internationalen Industriekunden, aber auch der attraktive Standort in der Nähe von Cottbus sind gute Voraussetzungen, das Geschäftsvolumen und die Ertragskraft wieder nachhaltig zu steigern.“

Doch das Versprechen bleibt bis heute eine Worthülse. Jetzt hat der Baumaschinenhersteller Atlas, der bisher selbst ein Kunde von Starz war, den Großräschener Betrieb übernommen. Nach langwierigen Verhandlungen ist es zu einer Einigung gekommen. Das bestätigt Atlas-Chef Brahim Stitou. Wichtig sei es jetzt, das verloren gegangene Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen. „Wir wollen den Geschäftsbetrieb wieder in vernünftige Bahnen lenken“, sagt Stitou. Durchstarten soll die neue Großräschener GmbH auch unter neuem Namen – Starz Elektrotechnik oder Starz Electronics soll sie heißen. Das sei noch nicht abschließend diskutiert. Von den Bedingungen vor Ort habe er einen sehr guten Eindruck. Bei einem Besuch habe er „eine tolle Mannschaft“ kennengelernt. Die Mitarbeiter seien sehr fleißig und erfahren, „obwohl sie seit längerer Zeit nicht bezahlt werden“. An den Starz-Standorten in Polen, Tunesien und China habe die Atlas-Gruppe kein Interesse.

Je nach Auftragslage soll die Mitarbeiterzahl in Großräschen wieder steigen. Mit einer kleinen Mannschaft von 18 Leuten ist am Mittwoch die Produktion wieder angekurbelt worden. Ein fünfköpfiges Führungsteam soll das Unternehmen leiten - ohne den alten Chef Andreas Kehrel.

Mit diesem Team hat der Großräschener Kabelkonfektionierer Starz am Mittwoch den Neuanfang unter neuem Eigentümer gestartet.
Mit diesem Team hat der Großräschener Kabelkonfektionierer Starz am Mittwoch den Neuanfang unter neuem Eigentümer gestartet. FOTO: Steffen Rasche