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"Wir hatten alle furchtbare Angst"

Zeitzeugin Ruth Stierand vor dem Wohnhaus ihrer Kindheit. Das Gebäude in der Bahnhofstraße wurde im Frühjahr 1945 nicht zerstört.
Zeitzeugin Ruth Stierand vor dem Wohnhaus ihrer Kindheit. Das Gebäude in der Bahnhofstraße wurde im Frühjahr 1945 nicht zerstört. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Senftenberg. Am kommenden Montag, 20. April, jährt sich der Angriff der Roten Armee auf Senftenberg zum 70. Mal. Die Stadt hat unter starkem Beschuss gelegen. Die Senftenbergerin Ruth Stierand erlebte als 13-Jährige jene schicksalsschwere Zeit mit. Torsten Richter-Zippack

. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1945 schien eine ganz eigenartige Stimmung über Senftenberg zu liegen. Am Bahnhof war auf einem Plakat zu lesen: "Räder müssen rollen für den Sieg". Im Radio fielen immer öfter die Begriffe "Wunderwaffe" und "Endsieg". Und wenn es Fliegeralarm gab, liefen die Leute zur Volksschule I am Neumarkt, in deren Kellern sie Schutz suchten.

Ruth Stierand, geborene Anders, lebte damals mit ihrer Familie in der Bahnhofstraße 34 C. Heute befindet sich in diesem Gebäude ein TV-Geschäft. "Vater war in englischer Kriegsgefangenschaft. Das haben wir aber erst später erfahren. Zu jener Zeit galt er als vermisst", erzählt Ruth Stierand.

Ihre Mutter hatte im Dezember 1944 ein Zwillingspaar auf die Welt gebracht, Kurt-Georg und Fritz-Rudolf Anders. "Am Abend des 18. April 1945 sind vor unserem Haus Soldaten über die Bahnhofstraße marschiert und haben dabei gesungen. Sie gehörten zur Wlassow-Armee, der Russischen Befreiungsarmee, die Seite an Seite mit der Wehrmacht kämpfte", berichtet Stierand.

Die Truppen zogen nach Buchwalde, wo sie auf die Rote Armee warteten. Auf den dortigen Bauernhöfen sollen fast zeitgleich deutsche Landser in Stellung gelegen haben. Diese seien aber noch vor dem Eintreffen der Sowjetarmee geflohen.

"In der Bahnhofstraße hingen, wie auch anderswo in der Stadt, Lautsprecher. Am 19. April wurde aus ihnen verkündet, dass Senftenberg zur Festung erklärt wird. Die Bevölkerung sollte den Ort verlassen", sagt Ruth Stierand. "Wir hatten alle eine furchtbare Angst." Gemeinsam mit ihrer Mutter und den Zwillingen ist die damals 13-Jährige bis in einen Wald bei Brieske geflüchtet. "Dort stießen wir auf deutsche Soldaten, die uns rieten, wieder nach Hause zu gehen. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass wir ins Schussfeld gerieten. So kehrten wir wieder in die Bahnhofstraße zurück. Noch am selben Tag wurde meine Mutter vom Blockleiter der NSDAP aufgefordert, die Stadt sofort zu verlassen. Um 20 Uhr fuhren wir dann ab dem Bahnhof mit einem offenen Güterzug über Finsterwalde bis nach Torgau." Da an der Elbe die Begegnung der sowjetischen und amerikanischen Truppen unmittelbar bevor stand, ging es für die Familie wieder ostwärts bis nach Doberlug-Kirchhain. "Acht Tage waren wir dort untergebracht. Dann sind wir nach Hause gelaufen."

Nach der Rückkehr folgten Schock und Erleichterung. Schock, weil einige Gebäude in der Bahnhofstraße zerstört worden waren. Beispielsweise das Textilgeschäft Klein. Ebenso ein Haus an jener Stelle, wo heute die Theaterpassage beginnt. Später entstand dort das Kunstgewerbe. Erleichterung, weil das Wohnhaus der Familie Anders noch stand.

Über die neuen Besatzer kann Ruth Stierand indes nichts Schlechtes sagen: "Sie haben uns Bonbons gegeben. Und später arbeitete ich für die Küche der Russen in Buchwalde. Dort musste ich in großen Becken abwaschen. Dafür durfte ich die Kartoffelschalen nach Hause mitnehmen. Die Küchenfrauen hatten diese extra etwas dicker geschnitten", erinnert sich die 83-Jährige.

Nie vergessen wird Ruth Stierand den August 1945: "Die Tischlerei Graßhoff an der zerstörten Kirche stellte uns zwei Särge zur Verfügung. Unsere Zwillinge haben die Strapazen nicht überstanden. Sie sind schlichtweg verhungert." Nur wenige Tage später gab es in Senftenberg ein großes Kindersterben. Am 31. August wurden zehn Kinder beerdigt. "Meine Mutter und ich haben den Tod von Kurt-Georg und Fritz-Rudolf nie verarbeitet", seufzt die 83-Jährige. Jedes Mal, wenn sie über dieses Thema spricht, kommen ihr die Tränen. Der Vater kehrte indes im Jahr 1948 aus der Gefangenschaft heim. Er arbeitete dann im Senftenberger Eisenwerk.

Ruth Stierand engagierte sich nach dem Krieg in der Politik. Sie war FDJ-Sekretärin, Pionierleiterin, später Lehrerin für Geschichte und Staatsbürgerkunde. Zeit ihres Lebens war die Senftenbergerin Gewerkschaftsmitglied. Und sie bezeichnet sich als Kämpferin für den Frieden. "Niemandem wünsche ich, jenes durchzumachen, was meine Familie durchmachen musste."

Zum Thema:
Am 20. April 1945, einem Freitag, wurde Senftenberg von der Roten Armee intensiv beschossen, vor allem der hohe Turm der Peter-und-Paul-Kirche. Auf diesem soll sich ein Posten befunden haben, der die Flakstellung auf der Höhe 304 koordinierte. Deswegen wurde die Kirche schwer beschädigt. Darüber hinaus gab es vor allem in der Kreuz- und in der Bahnhofstraße massive Zerstörungen. Die sogenannten Flemmingschen Häuser an der Bahnhofstraße, dort, wo sich heute der große Parkplatz befindet, sollen von freigelassenen Kriegsgefangenen angezündet worden sein. Laut Festschrift zu 700 Jahre Senftenberg wurden wenige Tage vor Kriegsende in der Stadt 53 Gebäude zerstört. Während des Krieges starben 861 Senftenberger. trt1