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Windradflügel erdrücken Kirchturmspitzen

Dörrwaldes Kirchturm, für dessen Wiederaufbau sich die Kirchengemeinde über 63 Jahre verschuldet hat, ist 34 Meter hoch. Er wird inzwischen von etlichen Windrädern um Längen überragt.
Dörrwaldes Kirchturm, für dessen Wiederaufbau sich die Kirchengemeinde über 63 Jahre verschuldet hat, ist 34 Meter hoch. Er wird inzwischen von etlichen Windrädern um Längen überragt. FOTO: Rasche/str1
Großräschen. 16 Wind-Giganten, die 200 Meter in den Lausitzer Himmel ragen und den umliegenden Dörfern verdammt nahe auf die Pelle rücken, sollen sich im Windpark Woschkow-Leeskow drehen. Für stürmische Windspitzen haben die geplanten Räder schon am Montagabend im Kurmärker gesorgt. Andrea Budich

Es hat in der Seestadt noch kein Bauvorhaben gegeben, das die Gemüter so umtreibt und mit soviel Wut im Bauch verfolgt wird. Das windige Szenario zeichnet sich in immer deutlicheren Konturen ab. Die ersten Stahlriesen, die hinter Großräschen in den Himmel ragen, hinterlassen bei den Großräschenern, die zum Bürgerinformationsabend gekommen sind, ein Gefühl von Ohnmacht, Hilf- und Machtlosigkeit. Und so bleiben nach dreistündiger Informationsflut Kommentare von Betroffenen Dörrwaldern und Allmosenern unkommentiert im Saal stehen: "Mir wird schlecht, wenn ich diese Anlagen sehe, die das Landschaftsbild total verzerren." Oder mit Blick auf die gleichfalls anwesenden Investoren und Projektentwickler: "Bauen Sie das bei sich vor der Tür. Nicht bei uns."

Es geht konkret um den Windpark Woschkow-Leeskow. Zwölf Räder drehen sich dort bereits, weil es für sie schon früher Genehmigungen gab. So richtig Fahrt aufgenommen hat das windige Vorhaben, als die im Regionalplan ausgewiesene Eignungsfläche im Vorjahr plötzlich von 83 Hektar auf stattliche 257 erweitert wurde. Was soviel bedeutet wie: Im Endausbau ist hier Platz für 16 Stahlriesen der modernsten Generation, die die vier Dörfer drumherum, also Allmosen, Woschkow, Dörrwalde und Leeskow, regelrecht umzingeln.

Das zu erwartende Szenario wird vor allem von den Dörrwaldern abgelehnt. Sie sehen ihr Ortsbild, das bisher von den Flügeln der historischen Holländermühle und dem wiederaufgebauten Kirchturm geprägt war, zerstört.

Dass selbst die Nistplätze des Rotmilans und seltener Fledermäuse keine Beachtung finden, versteht kaum jemand im Dorf. Eine Bürgerinitiative hat Unterschriften gegen die Pläne gesammelt. Fast alle im Dorf haben unterschrieben. Von der Regionalen Planungsstelle Lausitz - Spreewald gibt es dazu keine Antwort. "Wir setzen uns mit jeder Stellungnahme auseinander. Aber nicht jeder Hinweis ist automatisch ein Ausschlusskriterium", erklärt Jens Lochmann von der Regionalplanung dazu.

Für Großräschens Bürgermeister Thomas Zenker (SPD) ist der Windpark Woschkow-Leeskow aus doppelter Hinsicht Neuland. Zum einen gibt es etliche Investoren, die jeder für sich ihre eigenen Planungen und Standorte vorantreiben. Zum anderen handelt es sich zwar um ein großes Gebiet, allerdings mit einer sehr kleinteiligen Eigentümer-Struktur, die das Hauen und Stechen um mögliche Pachtverträge nur befördert. Was das von der Regionalplanung favorisierte Wind-Eignungsgebiet im Woschkower Wald betrifft, habe die Stadt nur begrenzte Steuerungsmöglichkeiten im Sinne von Veränderung.

"Wir wollen unsere Spielräume aber unbedingt nutzen", stellt Zenker klar. Mit je einem zeitlich abgestimmten Bebauungsplan wollen Großräschen und die gleichermaßen betroffene Gemeinde Neu-Seeland versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Dabei geht es um Feinsteuerungen wie das Verschieben möglicher Standorte und ein erträgliches Maß von Schatten, Schall und blinkenden Lichtern. Der erste Schritt dazu ist mit dem Aufstellungsverfahren gemacht.

Kommentar: Ziemlich heftiger Gegenwind

Hintergrund:
In der Planregion Lausitz-Spreewald drehen sich derzeit 634 Windräder mit einer installierten Leistung von 1110 Megawatt. Weitere mehr als 400 Windkraftanlagen mit einer Leistung von 1056 Megawatt befinden sich im Planverfahren.Genehmigt sind zudem 146 Windräder, deren Bau von den jeweiligen Investoren jedoch noch nicht umgesetzt wurde.