"Jedes Jahr am 8. April feiere ich ein zweites Mal Geburtstag", erzählt Monika Apostel mit zitternder Stimme. Die heute 66-jährige Frau befand sich an jenem frühen Dienstagmorgen im Frühjahr 1986 auf dem Weg zur Arbeit in der Verwaltung der Braunkohlenveredlung in Lauchhammer-Süd. Wie immer stieg sie in der Neustadt II in den Bus der Stadtlinie B. "Ich wollte gleich vorn einsteigen, aber der Bus war so voll, dass ich die hintere Tür benutzten musste", berichtet Monika Apostel. Dieser Wink des Schicksals hat ihr möglicherweise das Leben gerettet. Denn ein paar Minuten später, etwa gegen 5.30 Uhr, krachte am Bahnübergang Lauchhammer-Süd, direkt an der Brikettfabrik 69, ein aus Richtung Elsterwerda kommender Güterzug zwischen der ersten und zweiten Bustür in das Fahrzeug. Später erfuhr Monika Apostel, dass die Schranken oben waren, als der Zug kam, ihren Bus erfasste und ungefähr 60 Meter mitschleifte.Die heute in Grünewalde lebende Frau gehörte zu den 13 Schwerverletzten. "Meine Därme waren mehrfach gerissen. Außerdem wurde bei mir ein Schädeltrauma diagnostiziert", erzählt Monika Apostel. Zunächst wurde sie im Krankenhaus Lauchhammer-Ost operiert, dann erfolgte die Umverlegung ins Klinikum nach Cottbus. "Im Mai wurde ich nach Hause entlassen. Dann musste ich wieder reden, schreiben und laufen lernen. Fünf Jahre lang konnte ich nicht mehr Auto fahren. Und dabei war ich doch so gern mit dem Trabant unterwegs", berichtet die 66-Jährige aus ihren Erinnerungen. Noch heute hat Monika Apostel ein mulmiges Gefühl, wenn sie über den Bahnübergang in Lauchhammer-Süd fährt. "Ich weiß, dass ich trotz meiner Verletzungen riesiges Glück hatte", resümiert sie.Im gleichen Bus saß auch Monja Schwarzkopf: "Ich war damals gerade vier Tage vor dem Unglück 17 Jahre alt geworden und wollte ins ,Weiße Haus', das heutige Rathaus in Lauchhammer Süd, in dem ich als Kochlehrling in der Küche arbeitete. Ich stand immer in der Mitte des Busses im Schwenkbereich. An der Haltestelle Fabrik 69 stiegen viele Leute aus. Komischerweise habe ich mich, nachdem der Bus wieder angefahren war, das erste Mal hingesetzt, und zwar auf einen der Rückwärtssitze vor dem Schwenkbereich. Vielleicht hat mir ja diese Eingebung das Leben gerettet. Ich saß gerade paar Sekunden, da gab es einen unglaublichen Knall. Ich wurde vom Sitz geschleudert und flog nach vorn in Richtung des Schwenkbereiches. Ich hatte gar nicht mitbekommen was überhaupt passiert war. Mein erster Gedanke war, der Bus sei explodiert. Dass ein Güterzug in die Stadtlinie hineingefahren war und uns mitgeschleift hatte, habe ich erst später erfahren. Irgendwann kam der Bus zum Stehen, ich war bei vollem Bewußtsein. Mir wurde klar, ich lebe noch, habe mich aufgerappelt und auf ein Sitz gesetzt. Leute wimmerten und schrieen. Es dauerte nicht lange, da hörte ich eine Stimme von draußen. Wer laufen könne, solle raus kommen, hieß es. Ich bin wie in Trance ausgestiegen. Eine Frau stützte mich, und wir liefen die Gleise entlang zur Poliklinik Lauchhammer-Süd, die sich unmittelbar an den Bahnschienen befand. Mir tat alles weh, und ich war von oben bis unten blutverschmiert. Überall lagen Menschen. Dass sie tot waren, habe ich damals nicht registriert. Ich stand total unter Schock und konnte auch nicht reden. In der Poliklinik wurde ich auf eine Liege in einem Zimmer gelegt. Zunächst wurden die Schwerverletzten versorgt. Später kam ich mit einem Feuerwehrtransporter ins Krankenhaus Lauchhammer-Ost. Erst dort habe ich von einer Krankenschwester das ganze Ausmaß des Busunglücks erfahren.Ich erlitt Prellungen am ganzen Körper. Gesicht und Hals waren angeschwollen. Schließlich war ich mit voller Wucht an die Festhaltestange im Schwenkbereich geschleudert worden. Des Weiteren hatte ich ein Schädel-Hirn-Trauma und lag fünf Tage im Krankenhaus.Am Abend kam ein Kamerateam in unser Zimmer, und wir wurden gefilmt. Direkt an meinem Bett wurde der Arzt interviewt. "Als es knallte, dachte ich, der Bus wäre in die Gaststätte direkt am Bahnübergang gefahren", erzählt Wolfgang Eichhorn aus Lauchhammer. Auch er gehörte zu den Insassen des verunglückten Busses. Eichhorn berichtet, dass er später im Krankenhaus mit dem Lokführer in einem Zimmer gelegen hat: "Der Zugführer stammte aus Herzberg. Er hatte mir erzählt, dass er nach dem Zusammenstoß aus seiner Lok ausgestiegen ist und etwas auf die Gleise legte, um den nahenden Gegenzug, der aus Richtung Ruhland kommen sollte, zu warnen. Dieser kam dann glücklicherweise rechtzeitig zum Stehen. Später wurde der Lokführer dann verhört."Wolfgang Eichhorn kam recht glimpflich davon. Er musste nur eine Woche im Krankenhaus bleiben. "Aber wissen Sie", erzählt er, "so viel Blut wie in der Ambulanz in Lauchhammer-Süd habe ich vorher und nachher nie gesehen. Es war alles rot."Busfahrer Siegfried Mücke ist der Sohn des Fahrers des verunfallten Busses. "Mein Vater war 50 Jahre alt als er starb. Lange konnte uns niemand sagen, was mit Vater ist. Da erhärtete sich für uns der schlimme Verdacht. Schließlich überbrachte dann der Betriebsdirektor des Kraftverkehrs Lauchhammer die Todesnachricht. Später gab es eine mehrtägige Gerichtsverhandlung. Meinen Vater traf aber keine Schuld", erzählt Siegfried Mücke, der damals wie heute im Busverkehr tätig ist. Der heute 51-jährige Lauchhammeraner weiß noch, wie der völlig demolierte Bus auf den Hof des Kraftverkehrs in der Ortrander Straße geschleppt wurde. "Ich habe ihn selbst gesehen. Es war sowas von schrecklich". Das Fahrzeug sei dann verschrottet worden. Klaus Springer aus Lauchhammer war am 8. April 1986 als Krankenwagenfahrer direkt am Unglücksort. "Da sich der Unfall direkt zum Schichtwechsel ereignete, waren alle zehn Krankenwagen, die wir damals hatten, gleich vor Ort. Die Leute wurden zunächst in der Poliklinik neben den Gleisanlagen versorgt. Von dort haben wir die Opfer ins Krankenhaus nach Lauchhammer-Ost gefahren. Es war wirklich grausam. Ich erinnere mich noch, wie die Toten zwischen den Gleisen lagen. Ich bin zwar schon seit nunmehr 28 Jahren Krankenwagenfahrer, aber so einen schlimmen Unfall habe ich nie wieder erlebt." Fortsetzung folgt