Klaus-Jürgen Graßhoff (68) macht es sich auf seiner Terrasse im Senftenberger Stadtzentrum bequem. Eigentlich wollte er gerade gelbe italienische Bohnen in die Erde stecken. “Damit holen wir uns unser liebstes Urlaubsziel ein bisschen nach Hause„, erklärt er. Dann überlegt er kurz: “Wie ich in die Politik kam? Eigentlich war das ganz unspektakulär, jener Zeit geschuldet.„

Im März 1990 habe er seine Frau von einem Gewerbeforum im “Seeblick„ abgeholt. Eigentlich könne man jetzt in die CDU gehen, habe sie zu ihm gesagt - und das taten beide dann auch. Aufbruchstimmung. Sie wollten das neue Leben mitgestalten. “Für mich als Spross einer Handwerkerfamilie kam keine andere Partei infrage„, sagt er. Während die Familientradition seit 1860 im Tischlereihandwerk lag, hatte Graßhoff als drittes Kind einen anderen Weg eingeschlagen. So war er 1990 Zahntechnikermeister in der Kreispoliklinik und spielte mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. “Das wäre ein ganz normaler Weg gewesen, den viele Berufskollegen gegangen sind, nachdem sich auch die Zahnärzte niedergelassen hatten.„ Doch es kam anders. Kurz nach seinem Parteieintritt kandidierte er für die Stadtverordnetenversammlung. Er wurde gewählt, sogar mit den meisten Stimmen für die Partei, in die er gerade erst eingetreten war.

In dieser Zeit, in der sich das Leben in der DDR überschlug, haben Helfer aus Püttlingen im Saarland, der Partnerstadt, zu der es schon zu DDR-Zeiten Kontakte gegeben hatte, behutsam die Senftenberger auf ihren neuen Wegen begleitet. So war es eine Schulung über demokratische Spielregeln für Kandidaten im April im Saarland, auf der die Püttlinger Graßhoff rieten: Bewerbe dich ums Bürgermeisteramt! Während Graßhoff noch zweifelte, waren sich die Püttlinger schon sicher: Den würden die Senftenberger wählen, der ist mit über 100 Jahren Familientradition verwurzelt und will Gutes für die Stadt. Und so kam es: Er wurde mehrheitlich von der Stadtverordnetenversammlung gewählt.

Am 18. Juni 1990 trat Graßhoff, nachdem er vorher seine Arbeit in der Kreispoliklinik übergeben hatte, sein Amt an. “Als Nichtschwimmer im eiskalten Wasser„, nennt er es gerne. Und erinnert sich später so daran: “Ich hatte ja keine Ahnung, was ein Bürgermeister zu tun hatte. Meine Vorgängerin, Renate Fritsche, hatte mir die Stadt zwischen 7 und 8 Uhr morgens übergeben. Da saß ich allein in meinem Büro und ein Senftenberger Bürger kam völlig aufgelöst zu mir. Er werde sich umbringen, wenn ich ihm nicht helfen werde. Nach einigem Hin und Her und vielen Gesprächen mit anderen Beteiligten wusste ich: Ein Bürgermeister muss vor allem zuhören und Brücken bauen können.„

Das, so Graßhoff, habe sein Bürgermeister-Leben in 17 Jahren bestimmt. “Ich habe zuerst Politik mit dem Herzen gemacht, erst dann geguckt, ob die mit den Gesetzen zusammenpasst.„ Ohne verwaltungsgerechte Qualifikation kämpfte er sich durch. “Ich habe aber auch immer gute Leute um mich gehabt.„ Und Draht zu den Einwohnern. Berühmt geworden sind Graßhoffs Spaziergänge mit seinem Hund. Hier lebte er sein Verständnis von Bürger-Meister: mit Stift und Zettel in der Tasche, auf die er die mit dem Blick des ganz normalen Bürgers entdeckten Missstände schrieb: Dreckecken, umgestürzte Papierkörbe, Schmierereien, vertrocknete Stadtbäume. Oder die an ihn herangetragenen Sorgen. Die Zettel hat er dann seinen Mitarbeiten auf den Tisch gelegt: Kümmert euch darum!

“Das kann ich nur jedem Bürgermeister raten: Die Sicht des Bürgers behalten.„ Gern hätte er seine achtjährige Amtszeit, für die er 2002 zum dritten Mal mit über 50 Prozent im ersten Wahlgang gewählt worden war, zu Ende geführt. Doch das notwendige Gesetz, das die Amtsführung über das Rentenalter hinaus erlaubt, wurde erst ein halbes Jahr nach seinem Ausscheiden im Landtag beschlossen. Doch Einmischen in die städtische Politik will er sich nun nicht mehr. Mit Wehmut ging er 2007 in den Ruhestand, doch auch mit Stolz: 17 Jahre lang war er nach 1933 der erste frei gewählte Bürgermeister von Senftenberg.

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