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| 17:20 Uhr

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Wie in gutenalten Zeiten

Die ehemaligen Erstklässler der Zentralschule Hörlitz bei ihrem Klassentreffen nach 60 Jahren im Senftenberger Stadthafen.
Die ehemaligen Erstklässler der Zentralschule Hörlitz bei ihrem Klassentreffen nach 60 Jahren im Senftenberger Stadthafen. FOTO: Rasche Steffen / STEFFEN RASCHE
„Wir drehen noch einmal die Zeit für uns zurück. Und finden so wie früher in den guten alten Zeiten unser Glück.“ Diese Zeilen von Unheilig fielen Harald Gleisner zu seinen Klassentreffen ein:

Am 1. September 1950 betraten wir 50 Abc-Schützen mit Schulranzen, Federkasten, Schiefertafel inklusive Tuch und Schwamm zum ersten Mal die Zentralschule Hörlitz. Auf zwei Klassen verteilt, nahmen wir Lese- und Rechenbücher sowie Zuckertüten in Empfang. Tags darauf begann für uns der Ernst des Lebens. Neben dem gemeinsamen Lernen waren es vor allem die vielen Freizeitbeschäftigungen, die aus uns im Laufe der acht Schuljahre eine verschworene Gemeinschaft machten. Im Sommer 1958 trennten sich nach schriftlicher und mündlicher Abschlussprüfung unsere Wege. Nach 60 Jahren trafen wir uns jetzt folgerichtig, um dieses einschneidende Ereignis zu feiern. Das wie immer sehr gut organisierte Klassentreffen bot neben einer Schiffstour und dem Besuch der Krabat-Mühle allen, die in diesem oder im nächsten Jahr das 75. Lebensjahr erreichen, Speis und Trank sowie viel Spaß und Unterhaltung.

Im Jahre 1985 flatterte die Einladung zum ersten Klassentreffen ins Haus. Es war für alle das „Ereignis des Jahres“ schlechthin und jeder bereitete sich penibel darauf vor, was sich am sehr festlichen Outfit ablesen ließ. Die Begrüßungszeremonie nach 27 Jahren war spannungsgeladen. Nach dem von großem Rätselraten begleiteten „Wer bin ich?“-Spiel ging es weiter mit „Was machst Du denn so?“ und endete in einem nostalgischen Rückblick á la „Weißt du noch…?“ Jedes der acht nachfolgenden Klassentreffen war für uns eine „Wiedergeburt der Erinnerung“. Um Zweifel auszuräumen, machten alte Klassenfotos die Runde. Dabei fiel es oft schwer, sich an die Mitschüler zu erinnern, die bereits nach der 8. Klasse abgegangen waren und uns wissen ließen, dass sie „gleich arbeiten gehen und Geld verdienen wollten.“Die anderen wählten Berufe, für die man die sogenannte „Mittlere Reife“ (Abschluss Klasse 10) vorweisen musste und bildeten an der Hörlitzer Schule zum ersten Mal eine 9. Klasse. Drei von uns wechselten nach Senftenberg zur Erweiterten Oberschule. Die Teilnehmer unserer Klassentreffen unterteilten wir in Nomaden und Sesshafte: Erstere hatten über kurz oder lang ihr Elternhaus verlassen, um erst einmal in der großen, weiten Welt etwas zu werden und danach in Hoyerswerda, Großenhain, Leipzig, Berlin oder Stralsund zu siedeln. Die „Sesshaften“ wohnen bis heute noch genauso weit von unserem ehemaligen Schulhof entfernt, wie früher und waren bei jedem Treffen die wichtigsten Personen, da sie als Einzige Auskunft über die zwischenzeitlichen Veränderungen im Heimatort geben konnten.

So wird zum Beispiel unser ehemaliges Schulgebäude schmerzlich vermisst, das vor einigen Jahren abgerissen wurde.

Und dann waren da noch die Fernbleiber. Naturgemäß mussten wir leidvoll konstatieren, dass der wohlvertraute Schülerkreis von Mal zu Mal schrumpfte. Hin und wieder wurden auch Lehrer eingeladen und wir wunderten uns, dass sie sich in der Regel noch an unsere Klasse, ja sogar an einzelne Schüler erinnern konnten, selbst wenn sie nicht unser Klassenleiter waren.

Harald Gleißner