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| 02:46 Uhr

Weshalb Ortrand nicht mehr sächsisch sein durfte

Der Ortrander Archivar Reinhard Kißro vor dem Rathaus seiner seit 200 Jahren preußisch/Brandenburgischen Heimatstadt.
Der Ortrander Archivar Reinhard Kißro vor dem Rathaus seiner seit 200 Jahren preußisch/Brandenburgischen Heimatstadt. FOTO: T. Richter-Zippack
Ortrand. In diesen Maitagen jährt sich ein eher trauriges Ereignis zum 200. Mal. Denn seit dem Frühjahr 1815 ist Ortrand Grenzstadt. Durch den Wiener Kongress geriet der Ort an der Pulsnitz von Sachsen an Preußen. Eine Rückkehr ist bis heute verwehrt geblieben. Torsten Richter-Zippack

Der 22.Mai 1815 dürfte als einer der traurigsten Tage in die Ortrander Geschichtsbücher eingegangen sein. Denn vor nunmehr genau 200 Jahren entließ der sächsische König Friedrich August seine einstigen Untertanen ins ungeliebte Nachbarland, nach Preußen. "Damit wurde nach 677 Jahren das Band der Sachsen durchschnitten", bringt der Ortrander Heimathistoriker Reinhard Kißro die Problematik auf den Punkt. Das Pulsnitzstädtchen war nun Grenzstadt: im Norden Preußen, im Süden Sachsen. Und das alles nur, weil der Dresdner Hof während der Freiheitskriege von 1812/1813 auf der "falschen Seite" gekämpft hatte, nämlich mit den dann unterlegenden napoleonischen Truppen. Dafür hatte das Königreich ordentlich zu büßen.

Große Gebietsverluste

Nach Angaben des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde Bad Liebenwerda, Guntram Götzelt, musste Sachsen eine Fläche von 20 000 Quadratkilometern und 864 000 Einwohner an Preußen abtreten. So blieben dem Dresdner Hof nur noch 15 000 Quadratkilometer mit 1,2 Millionen Menschen übrig. Zu den verlorenen Regionen gehörten unter anderem die komplette Nieder- und ein Drittel der Oberlausitz.

Plötzlich im Kreis Liebenwerda

Ortrand wurde in die preußische Provinz Sachsen eingegliedert und kam zum Kreis Liebenwerda. Den Einwohnern passten die neuen Herrscher indes gar nicht. "Es gab Hass gegen alles Preußische und offenen Widerstand", hat Reinhard Kißro recherchiert. Mehr noch: "Ortrand wandelte sich in eine sterbende Stadt." Am deutlichsten wird diese Aussage in Bezug auf die Provinzposse um die ehemals sächsische Distanzsäule auf dem Marktplatz. Das bereits im Jahr 1732 aufgestellte Exemplar sollte laut einer behördlichen Verordnung anno 1833 verschwinden. "Die Einwohner wollten sich davon aber nicht trennen", sagt Kißro. Erst im Herbst 1844 kam ein neuerlicher Befehl zum Wegschaffen der Säule. Angeblich hatte sie die Aufstellung der Marktbuden behindert. Doch wieder passierte nichts. Besonders der Ortrander Abgeordnete von Riedenau setzte sich für den Erhalt des letzten sichtbaren Reliktes aus der Sachsenzeit ein. Es kam ein reger Brief- und Beschwerdeverkehr zustande. Am Ende musste die Distanzsäule dann doch noch weichen. Als sie im Jahr 1847 durch den Bildhauer Fox abtransportiert worden war, stürmten aufgebrachte Ortrander sein Wohnhaus.

Nie gaben die Pulsnitzstädter ihre Hoffnung auf eine Rückkehr nach Sachsen auf. Durch die Revolution der Jahre 1848/1849 erhielt dieser Wunsch neue Nahrung. Damals soll es Verbrüderungsszenen mit sächsischen Vereinen aus Großenhain und Blochwitz gegeben haben. Ort rand blieb dennoch preußisch. Erst im Zuge des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 verwischte die Lage an der Grenze etwas. Schließlich kämpften preußische und sächsische Soldaten gemeinsam gegen Frankreich. Dennoch blieb Sachsen auch weiterhin für Ortrand der wirtschaftliche Nabel der Welt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg forderten die Pulsnitzstädter erneut eine Heimkehr in den Dresdner Einzugsbereich. Wieder vergeblich. Stattdessen kam der Ort zum neugegründeten Kreis Senftenberg, einer "Mischehe" aus Teilen der alten Kreise Calau, Hoyerswerda und Bad Liebenwerda, wie Reinhard Kißro dieses Gebilde bezeichnet.

Wunsch nach der Wende

Im Zuge der politischen Wende der Jahre 1989/1990 wurde wieder aktiv für Sachsen gekämpft. Während des eigens dafür durchgeführten Bürgerentscheids sprachen sich in Ortrand 1608 Stimmen für Sachsen aus, 53 für Brandenburg. Im gesamten Kreis Senftenberg wollten 54 Prozent nach Dresden, 46 Prozent nach Potsdam. "Letztlich fiel aber die politische Entscheidung zugunsten für Brandenburg. Das war der erste Vertrauensbruch in die neue Demokratie", kommentiert Reinhard Kißro. So ist die Ortrander Rückkehr nach Sachsen bis zum heutigen Tage verwehrt geblieben.