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Wenn das Lesen zur Qual wird

Anke Pätzold (r.) vom Jobcenter des OSL-Landkreises gibt Martina Muth aus Lauchhammer noch ein paar wichtige Tipps mit auf den Weg.
Anke Pätzold (r.) vom Jobcenter des OSL-Landkreises gibt Martina Muth aus Lauchhammer noch ein paar wichtige Tipps mit auf den Weg. FOTO: Feller
Lauchhammer. Im Alltag fallen sie kaum auf. Sie haben sich mit Tricks, Kniffen und Ausreden angepasst – die funktionellen Analphabeten.Allein im Landkreis Oberspreewald-Lausitz können Tausende Menschen kaum oder nur unter Anstrengungen lesen und schreiben sowie rechnen. Das erschwert den beruflichen Einstieg oder das Vorankommen im Job. Im Alltag türmen sich schier unüberwindbare Hürden auf. Manfred Feller

Es ist noch nicht lange her, da hat Martina Muth (Name geändert) aus Lauchhammer kaum einen zusammenhängenden Satz herausgebracht. Das Kopfrechnen über die Zahl 12 hinaus sei nach wie vor der blanke Horror. Ihre gewohnte Umgebung hat sie kaum verlassen, aus Angst, die Orientierung zu verlieren. "Ich bin nie gern Bahn gefahren", blickt sie zurück. Denn sie konnte am Automaten keinen Fahrschein kaufen. Dann lieber mit dem Bus und beim Fahrer das Ticket mündlich bestellt. Von Selbstbewusstsein bei der 41-jährigen gelernten Köchin ohne Arbeit und mit einem nicht gerade berauschenden Abschluss der 8. Klasse keine Spur. Das hat sich grundlegend geändert.

Wenn es den Mitarbeitern im Jobcenter auffällt, dass ein Kunde Lese- und Schreibprobleme hat und auch deshalb kaum vermittelbar ist, dann wird ihm Hilfe angeboten. Martina Muth wurde im Juni des vorigen Jahres von Anke Pätzold in das von ihr initiierte Frauencafé in Lauchhammer eingeladen. Die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (SGB II) im OSL-Jobcenter bietet dort Frauen Gesprächs- und Motivationsangebote an. Das Ziel ist es, wieder in der Gesellschaft Fuß fassen zu können.

"Zuerst war ich ganz schüchtern. Dann habe ich allen Mut zusammengenommen und erzählt, welche Schwierigkeiten ich habe", erinnert sich Martina Muth. Weil es im OSL-Landkreis kein vergleichbares Angebot gibt, so Anke Pätzold, habe sie ihre Kundin in der "Lernstube" in Elsterwerda angemeldet. Das ist ein durch das Land mit europäischen Mitteln (ESF) gefördertes Grundbildungszentrum, in dem bei Bedarf sogar einzeln betreut und gelernt wird. "Wir wollen unsere Kunden soweit bringen, dass sie Grundkompetenzen erlangen, damit sie für weiterführende berufsvorbereitende Maßnahmen geeignet sind", erläutert die Fachfrau. "Denn das Lesen und Schreiben sind die Schlüssel zur Welt. Dafür ist es nie zu spät", ermuntert sie Betroffene, sich zu melden. Und wenn diese sich nicht trauen, dann sollten es Familienangehörige, Freunde und Bekannte tun.

Martina Muth hat die Unterstützung ihres Lebensgefährten. Er habe ihr auch den letzten Anstoß gegeben, sich ein Herz zu fassen. Nach vielen Jahren hat sie sogar ihre vertraute Umgebung, in der sie sich zurechtfindet, deutlich verlassen. Vorher undenkbar. Ihre 20-jährige Tochter schenkte den beiden ein Urlaubswochenende in Tschechien.

Als Zeitungsausträgerin im Nebenjob versucht sie nun sogar, das Tagesaktuelle zu lesen. Sie übt das Nachrichtenschreiben auf dem Handy. Bald möchte sie Überweisungen ohne Hilfe selbst ausfüllen, Formulare an Ort und Stelle lesen, verstehen können, unterschreiben und nicht mehr mit nach Hause nehmen müssen. Alles mit dem Ziel, wieder beruflich Fuß zu fassen.

Zum Thema:
Anke Pätzold vom Jobcenter hat recherchiert und herausgefunden, dass in Deutschland etwa 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten leben. Das sind 14,5 Prozent der arbeitsmarktrelevanten Gruppe der 18- bis 64-Jährigen. Heruntergerechnet auf den OSL-Landkreis sind das rund 12 800 Personen mit unterschiedlich stark ausgeprägten Rechtschreib- und Leseproblemen. Bundesweit stehen 56 Prozent dieser Menschen im Berufsleben. Ungefähr 17 Prozent sind arbeitslos und damit überdurchschnittlich viele. Möglichst viele von ihnen sollen durch Kurse ein Niveau erreichen, damit berufliche Fortbildung und Qualifizierung möglich wird. Kontakt zu Anke Pätzold vom OSL-Jobcenter: Telefon 03573 808292.