ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:25 Uhr

Rundschau-Serie: Meine Heimat Oberspreewald-Lausitz
Wenn das Heimweh unerträglich wird

 Überrascht zeigten sich Diana und Matthias Kalz, sowie ihre Kinder Sarah und Florian als nach der Trauung plötzlich Kälber vor der Gahlener Kirche standen. Heike Kurschinski (l.) und Carmen Meißner (r.) hatten mit ihrer Aktion das frisch vermählte Paar und die gesamte Hochzeitsgesellschaft überrascht.
Überrascht zeigten sich Diana und Matthias Kalz, sowie ihre Kinder Sarah und Florian als nach der Trauung plötzlich Kälber vor der Gahlener Kirche standen. Heike Kurschinski (l.) und Carmen Meißner (r.) hatten mit ihrer Aktion das frisch vermählte Paar und die gesamte Hochzeitsgesellschaft überrascht. FOTO: Rolf Wünsche
Gahlen. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis Oberspreewald-Lausitz festgemacht haben. Heute: Diana und Matthias Kalz aus Gahlen. Von Uwe Hegewald

Auf Reisen gehen, andere Länder und Leute kennenlernen, relaxen oder mal einfach dem Alltag entfliehen – wer kennt sie nicht, die Vorzüge, die ein Urlaub bereithält? Viele wissen aber auch um das Heimweh, das mitunter nach wenigen Tagen erbarmungslos zuschlägt. „Nach einer Woche würde ich am liebsten wieder heimkehren“, sagt Matthias Kalz. „Spätestens nach zehn Tagen müssen die Koffer für die Rückreise gepackt sein“, so der passionierte Landwirt aus Gahlen (Stadt Vetschau). Es sind die Sehnsucht und die Pflichten, die das Heimweh immer wieder aufs Neue entfachen. Der Garten ruft, das um- und ausgebaute Haus seiner Großeltern, in das er 2016 mit Frau und Kindern eingezogen ist, die auf dem Nachbargrundstück lebenden Eltern, aber auch die zehn Rinder, das viele Kleinvieh auf dem Hof und letztendlich auch der Job.

Aber wer bitteschön sehnt sich danach, nach erholsamen Urlaubstagen wieder auf Arbeit fahren zu dürfen? Matthias Kalz. Seinen Job in der Milchvieh-Anlage des Landwirtschaftsbetriebes Ressen-Lindchen GmbH würde er mit keinem anderen tauschen. „Wir sind ein eingeschworenes Team, ob in den Rinderställen, auf den Äckern, in der Werkstatt oder im Hofladen in Lindchen“, beteuert der 40-Jährige.

Wie sich „Teamwork“ darstellt, durfte er am 18. Mai erfahren, als er seiner Diana in der Gahlener Kirche das Ja-Wort gab. Unter der Losung „Kälber vor der Kirchentür“ wird die Trauung als „Bauernhochzeit“ den Augenzeugen ewig in Erinnerung bleiben. Dass die Kollegen irgendetwas im Schilde führen, ahnte das Paar, das nach Verlassen der Kirche in sehnsuchtsvolle Kälberaugen blickte. „Vier Wochen zuvor hatte eine Kollegin damit begonnen, die Kälber für ihren Auftritt zu trainieren. Ohne vorheriges Üben wäre das undenkbar“, so der doppelt überraschte Landwirt. Weitere Kollegen sind mit Landwirtschaftsmaschinen vor das Gotteshaus gerollt – allesamt Fahrzeuge, die Matthias Kalz lenkte, als er noch in der Feldwirtschaft tätig war. Kartoffelroder, Heupresse, Traktoren oder Möhren-Vollerntemaschine zählt der Gahlener auf, der dem Betrieb seit 18 Jahren die Treue hält.

Ein außergewöhnlicher Betrieb mit einer ebenso außergewöhnlichen Geschäftsführung, macht er am Beispiel der Hochzeits-Ehrenpforte fest. „Mitarbeiter hatten sich bereiterklärt, nicht nur eine Ranke zu flechten, sondern vor unserem Hoftor eine Ehrenpforte aufzustellen. Von den Geschäftsführern Dr. Martin Schultze und Gabi Kloas ist die Belegschaft fürs Flechten einen ganzen Tag freigestellt worden“, schwärmt Matthias Kalz noch heute. Wie auch Gattin Diana, die erfahren hatte, dass im Hofladen des Landwirtschaftsbetriebes eine ausgebildete Floristin arbeitet. „Doreen hat mir einen Bauern-Brautstrauß gebunden, wie ich ihn zu meiner Hochzeit immer haben wollte. Letztendlich kamen noch Gestecke und Blumenarrangements für die Kirche und das Gasthaus in Muckwar hinzu, in dem wir gefeiert haben“, berichtet die Braut von ihrem „schönsten Tag im Leben“. Jenem Tag, an dem Diana, Matthias sowie ihre Kinder Sarah (9) und Florian (4) auch mit Gottes Segen zu einer Familie zusammengeführt worden sind.

Pfarrerin Dr. Astrid Schlüter weiß um das Engagement der beiden bekennenden Christen: Matthias Kalz ist Mitglied im Gemeindekirchenrat und kümmert sich um Belange des Friedhofs auf dem Gahlener Kirchengelände. Diana Kalz hatte mit ihrer außergewöhnlichen Sanges­stimme schon so manchen Gottesdienst bereichert. Aus dem Dörfchen Greifenhain (SPN) stammend, musste sich die geborene Tobianke und gelernte Krankenschwester nicht erst mit einem Leben auf dem Lande arrangieren. Lieber nehmen beide ein paar Fahrkilometer mehr zur Arbeit in Kauf, als in einer ano­nymen, hektischen Stadt leben zu müssen.

In der Ganztagsschule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ (Lübbenau) ist Diana Kalz als Einzelfallhelferin tätig. Und auch sie verehrt das intakte Arbeitsklima und gute Miteinander. Zu erleben war das bei der standesamtlichen Trauung im Vetschauer Schloss, wo das Brautpaar beim Verlassen des Festsaales auf wartende Kinder im Innenhof aufmerksam gemacht wurde. „Die gehören nicht zu uns“, wiegelte das frisch vermählte Paar ab, musste sich jedoch eines Besseren belehren lassen. „Da haben sich Kollegen und Kinder extra aus Lübbenau auf den Weg nach Vetschau gemacht, um uns ihre Glückwünsche zu überbringen. Ist das nicht fantastisch?“, resümiert Diana Kalz.

Bereits wenige Augenblicke zuvor hatte ein Mädchen für eine große Überraschung gesorgt: Tochter Sarah, die die standesamtliche Trauung am Flügel musikalisch umrahmte.